Wie Pech und Schwefel
Der Wind peitscht über das Deck, das Holz knarzt unter schweren Schritten, und irgendwo zwischen den straff gespannten Tauen ruft eine kräftige Stimme durch die salzige Luft. „Heave away…!“ Noch bevor der Satz verklingt, antwortet die Mannschaft im Chor. Hände greifen gleichzeitig ins Tau, Körper stemmen sich gegen die Last, und im gemeinsamen Rhythmus beginnt die Arbeit fast wie von selbst zu laufen. Jeder Zug sitzt. Jeder Schritt folgt dem Takt. Was hier erklingt, ist kein Zeitvertreib – es ist ein Shanty.
Diese Lieder entstanden in einer Zeit, in der Segelschiffe die Weltmeere bestimmten und harte körperliche Arbeit den Alltag der Seeleute prägte. Ob beim Setzen der Segel, beim Einholen schwerer Leinen oder beim Hieven des Ankers – viele Aufgaben konnten nur im perfekten Zusammenspiel bewältigt werden. Genau dafür waren Shantys gemacht. Ein Vorsänger, der sogenannte Shantyman, gab die Zeilen vor, die Mannschaft antwortete im Chor. Der Rhythmus der Musik strukturierte die Bewegungen, gab Kraft und sorgte dafür, dass viele Hände wie eine arbeiteten.
Dabei waren Shantys nie starr oder einheitlich. Sie entstanden auf den Weltmeeren, dort, wo Menschen unterschiedlichster Herkunft auf engem Raum zusammenkamen. Britische und amerikanische Seeleute prägten die Form, afrikanische Einflüsse brachten den charakteristischen Call-and-Response-Stil (= Ruf-und-Antwort-Stil) ein, während irische und karibische Melodien den Liedern ihre eigene Klangfarbe verliehen. Jeder Hafen, jede Reise, jede Crew hinterließ Spuren in den Songs, die so lebendig und wandelbar wurden wie das Meer selbst.
Die zweite Geschichte der Shantys

Mit dem Übergang zur Dampfschifffahrt im späten 19. Jahrhundert veränderte sich das Leben an Bord grundlegend. Viele der Arbeiten, für die Shantys unverzichtbar gewesen waren, entfielen. Die Lieder verloren ihre praktische Funktion und drohten zu verschwinden. Doch ganz verstummen wollten sie nicht. Ehemalige Seeleute nahmen sie mit an Land, sangen sie in Kneipen, bei Treffen und Festen weiter. So begann die zweite Geschichte der Shantys.
Im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelten sich daraus die Shantychöre, wie man sie heute kennt. Besonders in Küstenregionen fanden sich Gruppen zusammen, die die alten Lieder bewahrten und neu interpretierten. In Deutschland erlebten sie vor allem ab den 1950er Jahren einen Aufschwung. Mit Akkordeon, Gitarre und mehrstimmigem Gesang wurden die einstigen Arbeitsrufe zu faszinierenden Bühnenstücken, die von Fernweh, Heimat und der Sehnsucht nach dem Meer erzählen. Ob auf Hafenfesten, maritimen Festivals, Stadtfesten, Kirchenkonzerten oder Kulturabenden – heute sind Shantychöre fester Bestandteil maritimer Kultur und sorgen dafür, dass ein Stück Seefahrergeschichte lebendig bleibt.
Auch wenn der ursprüngliche Zweck längst verschwunden ist, schwingt in jedem Lied noch etwas von dem mit, was einst auf den Decks der großen Segelschiffe zu spüren war: Gemeinschaft, Kraft und der Rhythmus harter Arbeit im Einklang mit Wind und Wellen.
Und genau diese Geschichte hat auf Borkum seit einem halben Jahrhundert ihren ganz eigenen Klang…
Geburt der Oldtimer
Während Borkum 2025 175 Jahre Nordseeheilbad feierte und in diesem Jahr den 450-sten Geburtstag des Olde Baas zelebriert, schreibt 2026 ein weiteres bedeutendes Jubiläum Inselgeschichte: Der Borkumer Shantychor Oldtimer wird 50 Jahre alt.
Seit einem halben Jahrhundert gehört sein Klang zum kulturellen Herzschlag der Insel. Was für Gäste ein stimmungsvoller Konzertabend ist, ist für viele Borkumerinnen und Borkumer ein Stück Heimatgefühl. Wenn die ersten Akkorde erklingen, wenn der Gesang sich vierstimmig erhebt und sich maritime Klassiker, plattdeutsche Töne und augenzwinkernde Showelemente verbinden, dann entsteht etwas, das weit über Musik hinausgeht. Dann wird Inselgeschichte hörbar.
Alles begann Anfang 1976 mit einer Idee, die so naheliegend wie mutig war: Borkum braucht einen eigenen echten Shantychor. Johann Meeuw, Johannes Akkermann, Emil Fokuhl und Karl-Georg Eilers wurden zu den Gründervätern dieses Vorhabens. Gemeinsam mit Helmut Michaelsen, Peter Scheidig, Jan Schneeberg, Eldert Müller, Hans Akkermann, Willm Akkermann, Jan Okken und Tönjes im Sande entstand eine Formation, die zunächst vor allem aus Leidenschaft, Disziplin und Begeisterung bestand.
Niemand ahnte damals, dass aus dieser kleinen Gruppe einmal einer der bekanntesten vierstimmigen Shantychöre Deutschlands werden würde. Doch schon der erste große Auftritt am 31. Mai 1976 zeigte bereits, welches Potenzial in den „Oldtimern“ steckte. Lampenfieber wich Begeisterung, fünf Lieder später tobte der Saal. Das Publikum feierte, Kurdirektor Gladow stürmte auf die Bühne – und aus einem ersten Konzert wurde der Beginn einer außergewöhnlichen Erfolgsgeschichte
Vom ersten Bühnenabend zum kulturellen Botschafter Borkums
„Die Oldtimer haben sich von einer kleinen Gruppe, die zunächst nur kleinere Auftritte hatte, nach und nach zu einem Chor entwickelt, der sich musikalisch über viele Genres hinaus traut“, sagt der 1. Vorsitzende Christoph Müller, selbst seit 2005 Teil des Ensembles. „Nicht zuletzt bringen wir durch unseren vierstimmigen Gesang heute ein buntes und abwechslungsreiches Programm auf die Bühne.“
Dabei absolvieren die Oldtimer Rundfunkauftritte, singen vor vollem Haus in der Kulturinsel Borkum mit fast 700 Zuhörern pro Auftritt, füllen ganze Kirchenschiffe auch an zwei aufeinanderfolgenden Abenden und hatten die Ehre, beim Hamburger Hafengeburtstag vor mehreren zehntausend Zuschauern zu singen. „Gerüchten zufolge haben wir dort sogar die Band Santiano von der benachbarten Bühne gesungen“, erinnert sich der Schriftführer Manuel Pietzner mit seinem typisch trockenen Humor. Gebucht werden die Oldtimer darüber hinaus auch gerne für Festivitäten, zum Beispiel zur Einweihung neuer Schiffe der AG Ems, zu Straßenfesten oder auf Tagungen als stimmungsaufhellender Programmpunkt für die Teilnehmer. Auch das Feuerschiff BORKUMRIFF wurde mehrfach musikalisch begleitet, wenn es zu großen Hafenfesten auslief. Ob Hamburg, Bremerhaven oder Veranstaltungen auf den Ostfriesischen Inseln im Rahmen von „Insulaner unner sück“ – die Oldtimer sind längst musikalische Botschafter ihrer Heimatinsel geworden.
Tradition bewahren heißt für die Oldtimer auch, sich weiterzuentwickeln
Trotz aller Erfolge blieb der Kern des Chors immer erhalten. „Nie vergessen werden darf, dass wir immer noch unseren ursprünglichen Werten nachkommen“, betont Pietzner. „Die plattdeutsche Sprache und insbesondere das Borkumer Platt musikalisch näherzubringen, diesem Ziel hat sich der Verein verschrieben.“ Gerade diese Verbindung aus Bewahrung und Offenheit macht die Oldtimer besonders. Sie sind kein musealer Traditionschor, sondern ein lebendiger Verein, der sich musikalisch ständig weiterentwickelt hat. Neben klassischen Shantys gehören heute auch irischer Folk, englischsprachige Stücke, moderne Arrangements und humorvolle Überraschungen zum Repertoire. Das Bühnenprogramm ist deshalb weit mehr als ein nostalgischer Liederabend. „Es ist kein hölzernes Absingen alter Gassenhauer“, ergänzt der 2. Vorsitzende Marcel Buse nicht ohne Stolz. „Es ist eine abwechslungsreiche und lockere Veranstaltung mit augenzwinkernder Moderation sowie stets aktuellen und humorvollen Film-Einspielern, in denen sich die Oldtimer gern auch mal selbst auf die Schippe nehmen.“
Gemeinschaft über Generationen hinweg
Ein besonderer Schatz der Oldtimer ist ihre generationenübergreifende Struktur. Während viele Chöre Nachwuchssorgen haben, gelingt es den Borkumern bis heute, jüngere Sänger einzubinden. „Zeitweise konnten wir auf eine Altersbandbreite von 24 bis 84 Jahren zurückgreifen“, erzählt Pietzner. „Erfahrung und Ernsthaftigkeit paaren sich mit jungen Ideen und frischen Stimmen.“
Genau darin liegt eine der größten Stärken. Alte Hasen geben Erfahrung weiter, neue Mitglieder bringen frische Impulse. Diese Mischung hält den Chor lebendig und sorgt auch im Publikum für besondere Vielfalt. Bei den Oldtimern sitzen eben nicht nur eingefleischte Shantyfreunde in den Reihen, sondern oft auch jüngere Zuhörer, Familien und Urlaubsgäste, die überrascht feststellen, wie modern und erfrischend maritime Musik sein kann.
Hinter jedem lockeren Auftritt steckt harte Arbeit
So charmant, humorvoll und leichtfüßig die Auftritte wirken, dahinter steht enorme Disziplin. Regelmäßige Proben, musikalische Arrangements, Technik, Organisation und Vereinsarbeit gehören selbstverständlich dazu.
„Seit Jahrzehnten hält sich bei uns der Spruch: Als Entschuldigung für eine Auftritts- und Probenabsage gilt nur der eigene Tod“, sagt Pietzner schmunzelnd.
Heute besteht der Verein aus 21 Männern inklusive Tontechnik, organisiert als eingetragener Verein mit Vorstand, Satzung und modernster technischer Ausstattung. Die Erlöse aus Auftritten fließen nicht nur in hochwertiges Equipment, sondern regelmäßig auch in gemeinnützige Zwecke auf Borkum – vom Heimatverein bis zum Schulorchester. Der aktuelle Vorstand – Christoph Müller, Marcel Buse, Manuel Pietzner und Roelof Meeuw – haben das Schiff „Oldtimer“ dabei auf gutem Kurs gehalten, um es auch die nächsten Jahre erfolgreich in gutem Fahrwasser weiter segeln zu lassen.
Die Arrangeure Lüntje Kieviet und Till Fehlhaber sorgen derweil dafür, dass sowohl traditionelle Stücke, aber auch zeitgenössische und modernlockere nicht zu kurz kommen – damit auch nachfolgende Generationen Freude an der Musik haben und vielleicht selbst mal mit den „alten Hasen“ auf der Bühne stehen können. „Denn Nachwuchssänger- und Instrumentalisten sind immer und ausdrücklich willkommen!“, wie Manuel Pietzner betont.
Das große Jubiläumsjahr „Wie Pech und Schwefel“
Nach 50 Jahren auf Kurs setzen die Oldtimer nun zu ihrem vielleicht emotionalsten Kapitel an. Unter dem Motto „Wie Pech und Schwefel“ feiert der Chor 2026 sein großes Jubiläumsjahr. Besucher erwartet eine musikalische Zeitreise durch fünf Jahrzehnte Oldtimer-Geschichte: klassische Seemannslieder, traditionelle Shantys, moderne Hits, internationale Stücke, humorvolle Moderation und viele Überraschungen. Kurz gesagt: genau das, was die Oldtimer seit Jahrzehnten ausmacht.
Wer also erleben möchte, wie Tradition klingt, wie Gemeinschaft singt und wie Borkum sich selbst ein musikalisches Denkmal setzt, sollte sich dieses Jubiläumsjahr nicht entgehen lassen und unbedingt eines der Oldtimer-Konzerte besuchen. Vor allem der 14. November dürfte dabei zum emotionalen Höhepunkt werden, wenn ein halbes Jahrhundert Borkumer Musikgeschichte gefeiert wird.
Die Jubiläumstermine 2026 in der Kulturinsel Borkum
25. Juni 2026, 19 Uhr
8. September 2026, 20 Uhr
29. September 2026, 20 Uhr
14. November 2026, 19:00 Uhr – Musikalischer Festabend: „50 Jahre Oldtimer Borkum“
3. Dezember 2026, 19:00 Uhr – Winterkonzert

