Veröffentlicht am: 5. April 2026

450 Jahre Olde Baas

Er steht da, wo er seit Jahrhunderten steht. Massiv, unerschütterlich – und doch verletzlich. Der Alte Leuchtturm auf Borkum feiert in diesem Jahr seinen 450. Geburtstag. Ein Jubiläum, das kaum passender sein könnte für einen Moment des Umbruchs. Denn während der Olde Baas auf eine bewegte Geschichte zurückblickt, steckt er zugleich mitten in seiner vielleicht wichtigsten Rettungsaktion.

450 Jahre Olde Baas

Doch einmal ganz von vorne...

Wer heute durch die Tür des Alten Leuchtturms schreitet, betritt nicht einfach ein Bauwerk, sondern 450 Jahre Inselgeschichte. 1576 auf dem Gelände einer vorher existierenden kleinen Kirche errichtet, war der Turm zunächst kein Leuchtturm, sondern diente als Kirchturm der reformierten Gemeinde. Er war geistliches Zentrum, Orientierungspunkt und weithin sichtbare Landmarke in einer Zeit, in der Borkum noch weitgehend schutzlos den Kräften von Wind, Wetter und Meer ausgesetzt war.

Erst im Jahr 1817 erhielt er seine Leucht-
anlage und wurde damit offiziell zum Seezeichen. Von nun an wies er Schiffen den sicheren Weg durch die gefährlichen Untiefen und wurde so zu einem unverzichtbaren Bestandteil der maritimen Infrastruktur an der Nordseeküste.

Im Laufe der Jahrhunderte veränderte sich seine Nutzung immer wieder. Der Turm erlebte einen verheerenden Brand, Kriege und technische Umbrüche, wurde umgebaut, repariert und neu interpretiert. Er diente als Brieftaubenstation für die Verbindung mit dem Feuerschiff BORKUMRIFF, war Ausstellungsort, Schauplatz traditioneller Teestunden und lange Zeit Ort für Trauungen, der romantischer nicht sein kann. Kaum ein Gebäude auf der Insel ist demnach so eng mit den Erinnerungen und Erlebnissen mehrerer Generationen verbunden wie der Alte Leuchtturm.

Sanierung als gemeinschaftliche Aufgabe

Seit den frühen 1980er-Jahren befindet sich das Bauwerk im Eigentum des Heimatvereins der Insel Borkum. Mit großem ehrenamtlichen Engagement kümmert sich der Verein seither um den Erhalt dieses Wahrzeichens. Dass der Turm heute nicht dem Verfall preisgegeben ist, sondern derzeit in einer umfassenden Sanierung eine neue Zukunft erhält, ist Ausdruck dieses langfristigen Verantwortungsbewusstseins. Begleitet wird die aktuelle Sanierung von einer eigens eingerichteten Arbeitsgruppe des Heimatvereins, die Planung, Bauabläufe und Abstimmungen koordiniert und als Schnittstelle zwischen Fachleuten, Behörden und Öffentlichkeit fungiert. Geleitet wird sie von Jürgen Müller, stellvertretender Schatzmeister des Heimatvereins der Insel Borkum und zugleich zweiter Vorsitzender des Vereins Watertoorn Börkum. Mit seiner fachlichen Erfahrung, seiner tiefen Verbundenheit zur Insel und seinem unermüdlichen Einsatz prägt er das Projekt maßgeblich. Die Arbeitsgruppe steht bewusst auch für Fragen und Anregungen aus der Bevölkerung zur Verfügung und versteht die Sanierung als gemeinschaftliche Aufgabe der Insel.

Selbstverständlich beschäftigt sich auch die BURKANA-Redaktion mit der Sanierung des Turms, sodass wir uns bereits Anfang Dezember 2025 zu Beginn der Sanierungsarbeiten mit Jürgen Müller verabredeten, um die Baustelle einmal näher zu begutachten.

Am 3. Dezember ist es dann so weit. An einem grauen, leicht regnerischen Wintermorgen wartet Jürgen Müller schon auf uns. Hinter ihm ragt das Gerüst in den Himmel, das Anfang November 2025 errichtet wurde und den Turm bis zur Aussichtsplattform umschließt. Ein Anblick, der Respekt einflößt. Eine große Baustelle, auf der sichtbar wird, wie viel hier zu tun ist. Und gleichzeitig ein ehrwürdiger Moment. Denn ein Gerüst in dieser Höhe, das sagt Müller ohne Zögern, sei einmalig. „Der Turm wird in den kommenden 40 Jahren sicherlich nicht noch einmal eingerüstet.“

Der Weg nach oben

Nach den ersten Eindrücken betreten wir den Turm und verspüren schon gleich auf dem Weg ins Innere eine ganz besondere Stimmung und Magie. Denn hier erwartet uns Geschichte, die man nicht liest, sondern spürt. Der anschließende Aufstieg ist mühsam. Alte Treppen, schmale Aufgänge, Stufen, die ihre eigenen Geschichten erzählen. Je höher man kommt, desto enger wird es. Am Ende erreicht man den Raum, in dem früher Veranstaltungen wie z.B. Hochzeiten, Teestunden oder andere Begegnungen stattfanden. Heute ist er leer, verwaist und Baustelle. Hier dürfen künftig keine Veranstaltungen mehr stattfinden. Die Bauordnung verlangt zwei Fluchtwege. Der Turm hat hier oben nur einen.

Noch ein letzter, schmaler Treppenaufgang. Dann ein niedriger Durchgang. Man muss sich ducken. Genau dieser Zugang wird im Zuge der Sanierung vergrößert. Oben angekommen, öffnet sich die Tür zur Aussichtsplattform. Und plötzlich ist alles weit. Der Blick reicht über die Insel, in alle Richtungen. Ein Rundumblick, den seit der Schließung des Turms im Jahr 2012 fast niemand mehr erleben durfte. Zwar schränken die Gerüste die Sicht etwas ein. Aber das Gefühl bleibt überwältigend. Jürgen Müller schaut sich um. Ein wenig wehmütig – gleichzeitig aber voller Vorfreude. „So wie jetzt wird es hier bald nie mehr aussehen.“

Der Abstieg ist nicht weniger anspruchsvoll. Teilweise geht es rückwärts, fast wie auf einem Schiff. Unten angekommen, blickt man noch einmal nach oben. Auf den Turm – und auf das Gerüst. Und man freut sich schon jetzt auf den Tag, an dem man ganz offiziell wieder hinaufdarf.

Auch Jan Schneeberg geht die Erinnerung an diesen Katastrophenwinter nicht aus dem Kopf: „Da stand ich als Lebensmittelkaufmann in einem kleinen Laden in der Süderstraße und die Belieferung vom Stammhaus in der ehemaligen Kaserne war nicht möglich. Autoverkehr war verboten, ging auch fast nicht bei den großen Schneebergen. Die Feuerwehr musste einspringen und lieferte nach Tagen wieder Brot. Bei alleinstehenden älteren Kunden wurde angerufen und dann die erforderlichen Sachen zu Fuß nach Hause gebracht.“

Unermüdliche Retter

Dass der Alte Leuchtturm heute nicht dem Verfall preisgegeben ist, ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis jahrelanger Arbeit des Heimatvereins der Insel Borkum. Bereits 2014 wurde dem Verein die sofortige Nutzungsuntersagung ausgesprochen. Die Liste der baulichen und brandschutztechnischen Mängel war lang. Und dennoch war der Wille sofort da, den Turm zu retten. 

Seit 2015 wurden jährlich fünfstellige Beträge zurückgelegt. Bis 2023 hatte der Verein rund 330.000 Euro Eigenkapital angespart.Parallel dazu begann eine intensive Phase der Planung, der Gutachten, der Gespräche mit Behörden und Fördergebern. Fördermittel wurden akquiriert. Netzwerke genutzt. Vertrauen aufgebaut. Heute ruht die Finanzierung der Sanierung auf mehreren Säulen. 

Bundesmittel, Stiftungen, Institutionen. Und ein erheblicher Eigenanteil des Heimatvereins in Höhe von rund 242.000 Euro, getragen durch Rücklagen, Mitgliedsbeiträge, Spenden und Aktionen. Auch der Borkumer Winterball leistete seinen Beitrag. Ein Teil der Erlöse – insbesondere Spenden und nicht eingelöste Bons – flossen direkt in die Sanierung des Alten Turms. Ein Fest für die Gemeinschaft, das zugleich in die Zukunft des Wahrzeichens investierte.

 

Was jetzt passiert

Die Sanierung ist umfassend – außen wie innen. Das Mauerwerk wird ausgebessert, neu verfugt und konserviert, lose Steine werden ersetzt, Fenster und Turmöffnungen erneuert, die historischen Uhrblätter aufgearbeitet und das Getriebe der Turmuhr instandgesetzt. Darüber hinaus werden im Inneren die Stahltreppen ertüchtigt, Zuganker ersetzt, eine neue Brandschutzmeldeanlage installiert und eine komplett neue Elektroinstallation geschaffen. Besonders sichtbar wird bei Fertigstellung auch der neue Rettungsbalkon werden. Er dient als Notausgang und ermöglicht im Ernstfall eine Rettung durch die Feuerwehr. Ein weiteres bautechnisches Thema liegt im Inneren verborgen. Während des Zweiten Weltkriegs wurden Stahlstreben eingebaut, vermutlich zur statischen Verstärkung. Diese beginnen nun zu rosten. 

Der Rost dehnt sich aus und schiebt das darüberliegende Mauerwerk nach oben. Eine Herausforderung von vielen, die mit Fingerspitzengefühl gelöst werden muss. Damit dies auch bestmöglich abläuft, finden alle zwei Wochen Bausitzungen mit Architekten und beteiligten Firmen statt. Der Austausch ist demnach eng, die Abstimmung laufend.

Räume mit Geschichte und Zukunft

Im Turm finden sich viele Spuren der Vergangenheit. Das alte Stellwerk der Turmuhr. Historische Ziffernblätter. Ein schmaler Schlitz in der Wand, entstanden beim Brand, als herabstürzende Balken das Mauerwerk aufrissen. Zeugnisse von Ereignissen, die den Turm geprägt haben. Ein ehemaliger Raum der Borkumer Jungs wird künftig eine Ausstellung beherbergen. Geplant sind unter anderem historische Fotos früherer Treffen. Auch andere Bereiche sollen museal genutzt werden, wobei der Fokus klar auf Ausstellung und Aussichtsplattform liegt.

Darüber hinaus lagert derzeit noch ein weiteres spannendes Detail im Turm: So entdeckt man beim genauen Hinsehen doch tatsächlich auf einmal geheimnisvolle Fässer, die sich hinter dicken Holzbalken verstecken. Wer an dieser Stelle neugierig geworden ist, sollte unbedingt auch die Seite 40 aufschlagen – denn natürlich hat die BURKANA-Redaktion auch hierzu eine unterhaltsame Geschichte recherchiert.

Wie es weitergeht

Nach Abschluss der Sanierung darf der Alte Leuchtturm wieder betreten werden. Allerdings ausschließlich als Aussichtsplattform. Maximal 20 Personen dürfen sich gleichzeitig oben aufhalten. Ob dies nur im Rahmen von Führungen möglich sein wird oder auch individuell, wird derzeit noch geklärt. „Wenn alles gut läuft, könnte die Sanierung im Sommer 2026 abgeschlossen sein. Die Wiedereröffnung soll dann im Zeichen des 450-jährigen Jubiläums stehen. Mitglieder des Heimatvereins arbeiten bereits an einer neuen Konzeption und einer Neuauflage der Geschichte des Alten Turms“, erklärt Jürgen Müller.

Der Alte Leuchtturm ist mehr als nur ein Bauwerk. Er ist Erinnerung. Orientierung. Identität. Dass er heute eingerüstet ist, mag auf den ersten Blick ungewohnt wirken. Doch es ist ein Zeichen der Hoffnung. Ein Versprechen an kommende Generationen, dass der Olde Baas auch in Zukunft ein sichtbarer und gleichzeitig begehbarer Teil der Insel sein wird. Und dass sich Engagement, Geduld und Zusammenhalt am Ende auszahlen.

In diesem Sinne wünscht das
BURKANA-Team dem Olde Baas alles Gute zum 450-jährigen Geburtstag – und freut sich schon darauf, den Turm hoffentlich schon bald in neuem Glanz erstrahlen zu sehen.

Das neue Burkana Magazin No. 96
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450 Jahre Olde Baas

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