BurkanaEin Stück Borkum...



  • Bis das Meer endgültig über den Deich schwappt...

    Und auf einmal war der Sand weg

    Ist die Existenz unserer Strände durch massiven Sandverbrauch bedroht?

    Der Winter steht direkt vor der Tür – und mit ihm teilweise solch eisige Temperaturen, dass man die Pforte am liebsten gleich wieder zuschlagen möchte. Nicht wenige sehnen sich daher in diesen Tagen nach den warmen Sommermonaten, planen bereits den nächsten Strandurlaub und freuen sich schon heute darauf, die Sonne zu genießen und im feinen Sand zu liegen. Doch gerade letzteren könnte es irgendwann nicht mehr so reichlich geben – sodass das altbekannte Sprichwort in ferner Zukunft wohl eher „so knapp wie Sand am Meer“ lauten müsste. 

    Was eigentlich unvorstellbar ist und sich hier eher nach einer Grundlage für einen schlechten Film anhört, könnte tatsächlich einmal Realität werden. Demnach tauchen derzeit immer wieder Berichte in den Medien auf, die den traditionellen Strandurlauber erst einmal erschaudern lassen. Darin warnen Experten des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) eindringlich davor, dass Sand immer knapper wird und infolge massiven und illegalen Abbaus ganze Strände – und sogar Inseln – verschwinden könnten. 

    18 kg pro Kopf und Tag!       

    Nicht zuletzt auf der ersten UN-Konferenz zum Schutz der Meere Anfang Juni 2017 in New York stand daher neben bekannten Problemen wie Mikroplastik, Korallensterben, Überfischung und Erwärmung der Ozeane auch das Thema Sand weit oben auf der Tagesordnung. Denn Sand hat sich mittlerweile zu einem der gefragtesten Rohstoffe des 21. Jahrhunderts entwickelt – der besonders aufgrund des dramatisch steigenden Bedarfs in der Baubranche rapide schwindet. 

    „Die Masse an Sand, die gebraucht wird, hat sich in den vergangenen 20 Jahren verdreifacht“, warnt der Schweizer Umweltwissenschaftler und Mitarbeiter des UNEP-Programms, Pascal Peduzzi, der u.a. bereits in seinem 2014 veröffentlichten UN-Report ‚Sand knapper als man denkt’ als einer der ersten Alarm schlug. „Wir schätzen den derzeitigen Verbrauch auf 50 Milliarden Tonnen pro Jahr – das sind 18 Kilogramm täglich für jeden Einwohner der Erde“, erklärt Peduzzi – und rechnet vor, dass man alleine mit dem Jahresverbrauch des Bausektors eine über 20 Meter hohe und mehr als 20 Meter breite Mauer rund um den Äquator aufschütten könnte.

    Massiver Verbrauch 

    Sand hat sich zum Baustoff der modernen Gesellschaft entwickelt – und gleichzeitig zum weltweit am meisten konsumierten natürlichen Rohstoff. Dieser steckt als Hauptbestandteil von Beton in nahezu jedem Gebäude und Bauwerk. So wurden beispielsweise für das höchste Gebäude der Welt (Burj Khalifa in Dubai, 828 Meter) die gigantische Menge von rund 275.000 Tonnen Sand verwendet – was wiederum ca. 16.500 vollgeladenen (Dreiachser-)LKWs entspricht. Doch es sind bei Weitem nicht nur Wolkenkratzer, die für Sandschwund sorgen – allein schon der Bau eines durchschnittlichen Einfamilienhauses verschlingt rund 200 Tonnen Sand, sodass man sich ausrechnen kann, wie viel „Strand“ in jedem einzelnen Wohnviertel steckt.

    Sand wird übrigens darüber hinaus nicht nur in der Bauindustrie verwendet, sondern ist auch Bestandteil von z.B. Glas, Plastik, Malfarben, Klebstoff, Zahnpasta, Smartphone-Bildschirmen und noch vielem mehr. Spätestens an dieser Stelle dürfte jedem klar werden, wie massiv Sand eingesetzt und verbraucht wird.

    Nachwachsender Rohstoff?  

    Aber wieso wird der Sand weniger, wenn er doch als nachwachsender Rohstoff gilt? Sollte nicht eigentlich die Verwitterung mit der Zeit dafür sorgen, dass Berge und Gesteine im Laufe Jahrtausender Jahre zu winzig kleinen Bruchstückchen – d.h. letztendlich Sandkörnern – zersetzt und schließlich über Gletscher, Flüsse, Wind und Meer an Küsten und Strände gespült werden? Sollte auf diese Weise nicht immer genügend Nachschub vorhanden sein? 

    Mitnichten! Denn der Witterungsprozess kommt einfach nicht hinterher – und kann mit dem weltweiten Bauboom der vergangenen Jahrzehnte schlicht nicht mehr mithalten. So wird jährlich mittlerweile mehr als doppelt so viel Sand abgebaut, als alle Flüsse an die Küsten bringen können. Hinzu kommt noch, dass große Sandmengen direkt in den Flüssen abgeschöpft werden – und die Ozeane so gar nicht mehr erreichen können.

    Illegaler Sandabbau 

    Da Sand in immer größer werdenden Mengen benötigt wird – und die Bauindustrie gut dafür bezahlt, hat sich der illegale Abbau von Sand in einigen Ländern zum großen Problem entwickelt. So ist mancherorts eine regelrechte Sand-Mafia entstanden, die vor Verboten und Strafandrohungen nicht zurückschreckt. Ein krasses Beispiel hierfür ist Indien, wo trotz strengen Verbots der Regierung mehr als 200 Millionen Euro jährlich mit dem illegalen Sandabbau verdient werden – möglich gemacht durch die Korruption in lokalen Behörden, die diesen zu einem florierenden Geschäft werden lässt. Wer übrigens versucht, sich gegen den Sandabbau stark zu machen, wird – in alter Mafia-Manier – nicht selten mit dem Tod bedroht.

    Ein weiteres Beispiel für das dreiste Entwenden von Sand ereignete sich auf Jamaika. Über Nacht verschwand hier im Jahr 2008 ein 400 Meter langer Strand, sodass Badegäste am nächsten Morgen anstatt karibischem Sand lediglich noch nackte Felsen vorfanden. Im Schutz der Dunkelheit – und angeblich unbemerkt von Sicherheitskräften – scheinen demnach große LKWs Hunderte Tonnen hochqualitativen Sand abtransportiert zu haben und ließen diese auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Zwar wurde der Fall nie richtig aufgeklärt – jedoch wird auch hier vermutet, dass der Sand schließlich in der Bauindustrie landete.

    Dass es nicht immer nächtliche Coups wie in Jamaika braucht, zeigt uns ein Beispiel aus Tanger in Marokko. Durch den ausufernden Bauboom in den vergangenen Jahren sind hierzulande zahlreiche Strände extrem „ausgedünnt“ worden. Unterbezahlte Arbeiter erhalten den Auftrag, den Beach bis zum letzten Sandkorn abzubauen und das Material mühselig zu den Baustellen zu schaffen. Durch diese illegale Methode hat das bei Touristen beliebte Marokko viele Strände und große Sandmassen unwiederbringlich verloren.

    Beliebtes Souvenir  

    In manchen Ländern ist es auch für Touristen unter Strafe verboten, Sand – z.B. als Souvenir – vom Strand mitzunehmen. So schön eine Sandsammlung aus aller Welt auch sein mag, ist dieses Verbot durchaus nachvollziehbar. Denn würde jeder der weltweit Millionen Strandbesucher Sand aus seinem Urlaub mit nach Hause nehmen, käme eine beträchtliche Menge zusammen, deren Fehlen sich schließlich auch an den Wasserkanten bemerkbar macht. Auf der italienischen Mittelmeerinsel Sardinien beispielsweise findet man folglich an nahezu allen Stränden Schilder mit der Aufschrift „Sand stehlen verboten“ („Vietato rubare la sabbia“). Sollte sich dennoch jemand dabei erwischen lassen, können dafür Geldstrafen bis zu 3.000 Euro fällig werden.

    Hier – bzw. auf der Insel Budelli im La Maddalena-Archipel – gibt es sogar einen Strand, der komplett für Touristen gesperrt ist und nur noch vom Boot aus bewundert werden kann. Der Sand am „Spiaggia Rosa“ ist aufgrund von Schalenresten bestimmter Mikroorganismen rosa gefärbt und war somit lange Zeit ein beliebtes Souvenir. Nachdem aber immer größere Sandmengen abhanden kamen, beschlossen die Verantwortlichen bereits 1994, den Strand unter Schutz zu stellen und Urlaubern den Zugang fortan zu verwehren. 

    Nutzloser Wüstensand  

    Sie fragen sich schon die ganze Zeit, wieso die Bauindustrie nicht einfach Wüstensand verwendet – schließlich bedeckt dieser doch rund 20 Prozent der Erde und scheint damit quasi unerschöpflich? Leider ist dies jedoch nicht so einfach! So ist der Wüstensand nämlich vom Wind so rund und glatt geschliffen, dass er sich – im Gegensatz zu Strandsand – nicht zur Anreicherung von Beton und sonstigen Bauaktivitäten eignet. Das war im Übrigen auch der Grund dafür, warum die Herrscher des Emirats Dubai für die Aufschüttung der künstlichen „Palmeninsel“ nicht auf den Sand vor ihrer Haustür zurückgreifen konnten, sondern 450 Millionen Tonnen Sand u.a. aus Australien bestellt werden mussten.

    Folgen & Verbote 

    Um genügend Sand gewinnen zu können, werden mitunter große Schwimmbagger eingesetzt, die riesige Mengen Sand vom Meeresgrund, Seen oder Flussbetten abtragen – und damit das Ökosystem stark gefährden. So sinken Flussbetten ab, Küstenlinien verändern sich, die Flora und Fauna muss sich neuen Gegebenheiten anpassen, natürliche Schutzmechanismen gegen Stürme werden zerstört und Inseln verschwinden in den Fluten. Letzteres macht sich vor allem in Indonesien bemerkbar, wo aufgrund des Sandabbaus bereits zwei Dutzend Inseln einfach im Meer versunken sind. 

    Während sich beispielsweise in Indonesien, Thailand, Kambodscha, Indien oder Marokko niemand wirklich um entsprechende Verbote kümmert (solange z.B. Dubai oder Singapur viel Geld für den Rohstoff Sand investieren), gibt es hingegen in der Europäischen Union strenge Gesetze, die den Sandabbau regeln. Demnach wird z.B. in Deutschland und den Niederlanden Sand aus dem Meer zum größten Teil lediglich für Aufspülungen oder Küstenschutzmaßnahmen verwendet, sodass ein solch massiver und illegaler Abbau hier glücklicherweise nicht an der Tagesordnung steht.  

    Gibt es Alternativen? 

    Um dem sicherlich noch weiter steigenden Sandbedarf entgegentreten zu können, arbeiten Expertenteams bereits seit einigen Jahren an der Entwicklung geeigneter Alternativen. Hierbei empfehlen sie beispielsweise die verstärkte Wiederverwertung von Bauschutt (Stichwort „Baustoffrecycling“), forschen intensiv bezüglich der entsprechenden Verwendung von Wüstensand, setzen auf die künstliche Herstellung von Sand (u.a. durch die maschinelle Zerkleinerung von Felsen) oder empfehlen das Bauen mit Bambusfasern.

    Last but not least gilt es natürlich, sparsamer mit der Ressource Sand umzugehen und diese nicht als unerschöpflich anzusehen. Hierbei sind jedoch vor allem die Bauherren und -industrie gefordert, die beispielsweise hinterfragen sollten, ob es unbedingt nötig ist, künstliche Inseln aufzuschütten, noch höhere Gebäude zu errichten oder Bauruinen verfallen zu lassen, anstatt das verbaute Material zu recyceln. 

    Keine Sorge! 

    Auch auf der Nordseeinsel Borkum verschwindet immer wieder Sand – was aber weder kriminellen Mafiaorganisationen noch massiven Bauvorhaben geschuldet ist. Vielmehr sind es hier oben heftige Sturmfluten, die im Herbst, Winter oder Frühjahr regelmäßig große Mengen zurück ins Meer ziehen und die Strände „angreifen“. 

    Jedoch muss an dieser Stelle niemand befürchten, dass Borkum dadurch in absehbarer Zeit bedroht ist. Denn um die entsprechenden Verluste wieder auszugleichen, werden zur Vorsaison bis zu 50.000 m3 Sand (entspricht ca. 75 Tonnen) aufgeschüttet, der im Winter an verschiedenen Stellen der Insel angeweht wurde. 

    Und nicht nur das: Anfang 2017 wurde vom Südstrand bis zur Höhe Bismarckstraße rund 430.000 m3 (entspricht ca. 650 Tonnen) Sand aufgespült, der mittels eines Saugbaggers in der Ems-Fahrrinne gewonnen wurde. Dank dieser – notwendig  gewordenen – Küstenschutzmaßnahme des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes Emden (WSA) ist sogar ein neuer Strandabschnitt entstanden, der seitdem nicht nur zum Sonnenbaden und Entspannen einlädt – sondern aufgrund seiner Breite auch schon mehrfach Veranstaltungsort für bunte Events war (z.B. Colorful Sand Holi).

    Insulaner und Gäste müssen sich demnach (noch) keine ernsthaften Gedanken über Sandklau und das baldige Verschwinden ihrer Traum- und Heimatinsel machen. So wird der schönste Sandhaufen der Welt sicherlich noch viele Generationen mit seinen kilometerweiten weißen Stränden begeistern – und immer genügend Sand am Meer bieten. Also, liebe Leser! Trotz der bevorstehenden kalten Jahreszeit, können Sie sich schon auf den nächsten Sommer freuen – und unter dem Weihnachtsbaum von tollen Strandtagen auf Borkum träumen!