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  • 10 Jahre UNESCO-Welt- naturerbe Wattenmeer

    Unser Erbe. Unsere Zukunft.

    10 Jahre UNESCO-Welt- naturerbe Wattenmeer

    Wie verwunschene Mondlandschaften erstrecken sich die riesigen braunen Schlick- und Sandflächen bei Niedrigwasser vor den Küsten und Inseln. Jedoch lassen bereits die unzähligen kleinen Spaghetti-ähnlichen Sandhäufchen der Wattwürmer erahnen, dass es hier weitaus lebendiger zugehen muss als in den eiskalten Kratern des Mondes. Und so fällt spätestens beim zweiten Blick auf, dass es im Watt überall kreucht und fleucht – und eine Lebensvielfalt herrscht, die ihresgleichen sucht. 

    Und tatsächlich! Ob die kleine Strandkrabbe mit ihren kräftigen Scheren, der Einsiedlerkrebs, der gerade in einem verlassenen Schneckenhäuschen Schutz sucht, die Baby-Scholle mit ihrer perfekten Tarnfarbe oder die freigelegte Herzmuschel, die sich ganz schnell wieder in den sicheren Schlick eingräbt – ganz gleich, wo man auch hinschaut, es wimmelt praktisch nur so von Lebewesen, die faszinierender kaum sein könnten! Und das ist bei Weitem noch nicht alles: Denn der fruchtbare Wattboden beherbergt darüber hinaus Abermillionen Würmer, Schnecken und Kleinstlebewesen, die wir Menschen gar nicht sehen – oder überhaupt mit dem bloßen Auge erfassen – können. Letzteres übernehmen dann auch lieber gleich die hungrigen Möwen und Austernfischer, die sich mit lautem Gekreische über den „reichlich gedeckten Tisch“ freuen.

    Im zwei Mal täglich überfluteten Schlickwatt sowie in den ebenfalls zum Nationalpark gehörenden Salzwiesen, Sandbänken und Dünen leben über 10.000 verschiedene Tier- und Pflanzenarten. Neben Kleinstlebewesen, Algen, Seegras, Plankton, Seesternen, Fischen und Krebsen tummeln sich mit Schweinswalen, Seehunden und Kegelrobben etwas weiter draußen im Wattenmeer zudem auch kräftige Säugetiere – mit der Kegelrobbe sogar das größte freilebende Raubtier Deutschlands. Das Wattenmeer gilt außerdem als „Kinderstube“ für viele Nordsee-Fischarten. Sie finden hier im relativ warmen Wasser ausreichend Nahrung und können geschützt vor großen Raubfischen aufwachsen – bevor es sie ins tiefere Gewässer zieht.

    Die Nahrungsvielfalt lockt neben den ohnehin schon hier lebenden sowie brütenden Watvögeln, Möwen, Enten und Gänsen zudem auch 10 bis 12 Millionen durchziehende Zugvögel an, die sich auf dem trockengefallenen Wattboden oder in den Salzwiesen für den Weiterflug in die südlichen Überwinterungsgebiete mit „Proviant“ stärken. Manchen gefällt es aufgrund der durch den Klimawandel gestiegenen Temperaturen mittlerweile sogar so gut, dass sie gleich hier überwintern.

    Ort der Extreme
    Viele der hier lebenden Arten werden von Experten auch gerne als „Extremisten“ bezeichnet, da sie sich an extreme Lebensbedingungen angepasst haben – und sich immer wieder neu an diese anpassen müssen. So gilt das Wattenmeer als „Ort der Extreme“, der ständig von Gezeiten, Wind, Wellen und Meeresströmung geprägt ist und nie zur Ruhe kommt. Doch trotz – und gerade aufgrund – regelmäßiger Überflutungen, Temperaturschwankungen oder des sich verändernden Salzgehalts der Wattflächen haben sich einzigartige Pflanzen- und Tierarten entwickelt, die ausschließlich hier anzutreffen sind. Das Wattenmeer gehört somit zu Recht zu den weltweit wichtigsten Ökosystemen – und ist von besonderer Bedeutung für die Artenvielfalt auf unserer Erde.

    Besonders schützenswert
    Der Fruchtbarkeit des Wattenmeeres bewusst, wurde den „Anrainern“ so auch schon früh klar, dass man diesen Schatz für die Zukunft bewahren muss. So fand bereits im Jahre 1978 die 1. Wattenmeerkonferenz statt, auf der Deutschland, Dänemark und die Niederlande eine engere Zusammenarbeit zum Schutz des Feuchtbiotops vereinbarten. In den darauffolgenden Jahrzehnten wurde das Wattenmeer immer stärker geschützt – und Stück für Stück zum Nationalpark erklärt. 

    2008 meldeten der Bund, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und die Niederlande das Wattenmeer als Welterbe an – und überzeugten damit auch sogleich die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation (UNESCO), welche dem bedeutenden Ökosystem am 26. Juni 2009 den Status eines UNESCO-Weltnaturerbes verlieh. Waren die Anrainer Hamburg und Dänemark aufgrund persönlicher Interessen daran zunächst nicht beteiligt, wurden mit etwas Verspätung schließlich auch das hamburgische (2011) und das dänische (2014) Wattenmeer Teile des – nun insgesamt rund 1.100 km² umfassenden – Welterbes.

    Die Welterbe-Auszeichnung durch die UNESCO unterstreicht die Wichtig- und Dringlichkeit des Wattenmeerschutzes. Sie lenkt die weltweite Aufmerksamkeit auf das Naturparadies, das sich seitdem auf Augenhöhe mit beispielsweise den Galapagosinseln im Pazifik, dem Great Barrier Reef vor der Küste Australiens oder brasilianischen Regenwaldgebieten befindet.

    UNESCO-Biosphärenreservat
    Bereits im Jahre 1992 erkannte die UNESCO das niedersächsische Wattenmeer zudem als Biosphärenreservat an – und unterstrich damit schon vor 27 Jahren, welch bedeutender Lebensraum hier vorzufinden ist. Das Biosphärenreservat Niedersächsisches Wattenmeer erstreckt sich vom Deich der niedersächsischen Nordseeküste bis zu einer Linie seewärts der Ostfriesischen Inseln – und ist somit nahezu flächengleich mit dem gleichnamigen Nationalpark. Nach einem umfassenden Evaluierungsprozess wurde das Niedersächsische Wattenmeer im Jahr 2017 als Biosphärenreservat bestätigt. 

    Mit der Bestätigung verbinden die Verantwortlichen u.a. die Erwartung und Hoffnung zur Einrichtung und Umsetzung einer großen Entwicklungszone auf dem Festland (= Küstengemeinden binnendeichs). Um den Status des Biosphärenreservats und damit verbundene Fördermöglichkeiten zu nutzen, sei laut dem Niedersächsischen Ministerium für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz jedoch eine definierte Entwicklungszone nötig, in der menschliches Wirtschaften und Natur modellhaft vereinbart werden können. 

    „Hierzu sollen gemeinsam mit interessierten Gemeinden und Bürgern in der Region nachhaltige Lebens- und Wirtschaftsweisen entwickelt und umgesetzt werden“, erläutert der niedersächsische Umweltminister Olaf Lies, während er Umweltministerium, Biosphärenreservatsverwaltung und interessierte Gemeinden dazu aufruft, gemeinsam mit Interessenvertretern sowie Bürgern geeignete Handlungsfelder und Projekte zur Förderung einer nachhaltigen Entwicklung der Region zu erarbeiten. Auf Basis der entsprechenden Entscheidungen der Gemeinde soll ein Programm erarbeitet werden, das voraussichtlich im Jahr 2020 die Grundlage für einen neuen Antrag bei der UNESCO auf Anerkennung als UNESCO-Biosphärenreservat bilden soll.

    Widerstand regt sich
    Oberste Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass die Gemeinden sich überhaupt für einen Eintritt in die neue Entwicklungszone entscheiden. Doch genau hier liegt das Problem! Denn besonders Landwirte befürchten, dass zusätzliche Schutzmaßnahmen und weitere Einschränkungen durch die Nationalparkverwaltung sie in ihrer Arbeit behindern – und längerfristig ihre Existenz bedrohen könnten. Demnach begründen sie ihre Angst damit, dass eine entsprechende Entwicklungszone vor allem auf landwirtschaftlichen Flächen realisiert würde – und sie folglich schon bald nicht mehr über ihren eigenen Grund und Boden bestimmen könnten.

    Jedoch sind sowohl das Niedersächsische Umweltministerium als auch die Nationalparkverwaltung derzeit bemüht zu versichern, dass es keine wesentlichen neuen Einschränkungen für die Landwirtschaft geben soll. So sei eine Erweiterung des Biosphärenreservats vielmehr mit Gestaltungsmöglichkeiten verbunden – und eröffne beispielsweise eine Vermarktung von Landwirtschaftsprodukten mit einem Biosphärenreservat-Qualitätssiegel. Im Fokus der Erweiterung stünden außerdem die wichtigen Themen nachhaltiger Tourismus, Bildung für nachhaltige Entwicklung, die Anpassung an die Folgen des Klimawandels sowie die große Chance, an Fördergelder für entsprechende Projekte zu gelangen. 

    Demnach müssten Anrainer keine Angst davor haben, von neuen Schutzbestimmungen überrumpelt zu werden – da es sich hier nämlich nicht um eine klassische Ausweitung eines Naturschutzgebietes, sondern um die gemeinsame Ausgestaltung eines UNESCO-Biosphärenreservats handelt. Bei diesem Prozess werde man sich nicht über die Entscheidungshoheit der Städte und Gemeinden hinwegsetzen, versichert Lies.

     … auch auf Borkum
    Gegen eine allgemeine Erweiterung der Schutzbestimmungen regt sich auch auf Borkum Widerstand. Demnach wehren sich einige Insulaner ausdrücklich gegen eine noch stärkere Einflussnahme und Einschränkungen durch die Nationalparkverwaltung – und bemängeln, dass diese schon heute teilweise zu weit gehen. Praktisch würde man dabei zu stark in seinem Recht beschränkt: so wie zum Beispiel beim Betreten einzelner Gebiete auf der Insel, beim Mitbringen und Laufenlassen von Hunden, beim Bootfahren, bei der Jagd oder bei der Hafenunterhaltung. 

    So betonten die beiden Borkumer Christian Fink und Jonny Böhm während einer eigens einberufenen Informationsveranstaltung im November 2018, dass das eigentliche Schutzziel längst erreicht sei. Nicht zuletzt im Hinblick auf den Lebensraum der Insulaner fordern sie, dass es auf Borkum keine weiteren Einschränkungen mehr geben dürfe. So akzeptieren und begrüßen sie die im Rahmen des Weltnaturerbe-Status beschlossenen Schutzmaßnahmen, lehnen jedoch jegliche weitere Einmischung ab. Auch Borkums Bürgermeister Georg Lübben schloss sich dieser Meinung an – und unterstrich, dass Einwohnern keine weiteren Einschränkungen mehr durch den Nationalpark oder das Umweltministerium zu vermitteln seien.

    Balance zwischen Tourismus und Naturschutz
    Die BURKANA-Redaktion schlägt sich in der aktuellen Debatte und Erweiterungsdiskussion nicht auf eine Seite, möchte jedoch betonen, dass Borkum zumindest bezüglich des Punktes „nachhaltiger Tourismus“ bereits Vorbildcharakter hat – und keinerlei Belehrung oder Ausweitung benötigt. So hat sich hier ein hervorragendes System an Schutzzonen sowie Rad- und Wanderwegen entwickelt, das es erlaubt, das Weltnaturerbe aus nächster Nähe kennenzulernen, ohne es in Mitleidenschaft zu ziehen. 

    Mit Ausnahme der bebauten Flächen im Ost- und Westland sowie am Hafen sind heute schon über 90 Prozent Borkums in verschiedene Schutzzonen eingeteilt, sodass die Umwelt hier sicher erhalten bleibt – und sich nach dem Motto „Natur Natur sein lassen“ entwickeln kann. Entsprechende Hinweisschilder verweisen dabei auf die am strengsten geschützten „Ruhezonen“, die ganzjährig nur auf den zugelassenen Wegen betreten werden dürfen; auf „Zwischenzonen“, die besonders während der Brutzeit im Zeitraum von
    April bis August geschont werden sollten; sowie auf die „Erholungszonen“ in Strandbereichen, in denen z.B. Störungen durch motorisierte Fahrzeuge untersagt sind.

    Trotz der aktuellen und teilweise hitzigen Diskussion um eine Erweiterung des Biosphärenreservats darf eines nicht vergessen werden: Das Wattenmeer vor unserer Haustür ist und bleibt eines der wichtigsten Ökosysteme der Welt – und sollte dementsprechend wie ein wertvoller Schatz behütet werden. Zwar dürfen die damit verbundenen Schutzmaßnahmen Insulaner und Küstenbewohner nicht abschrecken und in ihren Freiräumen einschränken, jedoch gilt es hierbei auch für beide Seiten, Kompromisse einzugehen und letztendlich an einem Strang zu ziehen. Denn wie schon der Jubiläums-Slogan „Ein Wattenmeer: Unser Erbe. Unsere Zukunft.“ verrät, geht uns der faszinierende Lebensraum alle etwas an! Außerdem ist es doch unser aller Wunsch, dass auch die kommenden Generationen noch über die Strandkrabbe, den Einsiedlerkrebs, die Baby-Scholle und die Herzmuschel staunen können.