BurkanaEin Stück Borkum...



  • Die Borkumer Walfangepoche
    Die Borkumer Walfangepoche

    Ein etwas anderer Frühling

    Die Borkumer Walfangepoche

    Es ist endlich wieder Frühling, Borkum fängt an zu blühen und Tausende Touristen strömen auf die Insel, um hier auf dem schönsten Sandhaufen der Welt ihren Urlaub zu genießen. Besonders am Fährhafen verspürt man daher in diesen Tagen eine herrliche Mischung aus Vorfreude, Glücksgefühlen und Enthusiasmus, die ein jedes Herz automatisch höher schlagen lässt.

    Doch wenn wir das Zeitrad einmal um rund 300 Jahre zurückdrehen, spielten sich nicht weit von hier entfernt ganz andere Szenen ab. Denn damals verabschiedeten die Borkumer Frauen zu dieser Jahreszeit ihre Ehemänner und Söhne, die wagemutig zur gefährlichen Waljagd in Richtung der arktischen Gewässer aufbrachen – wohlwissend, dass sie dabei ihr eigenes Leben aufs Spiel setzten und im September vielleicht nicht zurückkehren würden. Dementsprechend herzzerreißend war dann auch natürlich der Abschied – schließlich wusste zu diesem Zeitpunkt niemand, ob man sich noch mal wiedersehen würde.

    Die Anfänge

    Bereits ab dem Jahre 1643 beteiligten sich auch die ersten Borkumer am Walfang und übernahmen aufgrund ihrer Seefahrterfahrung schnell das Kommando auf den Walfängerschiffen. So belegen historische Dokumente, dass die Borkumer Jan Pieters de Jonge (1643), Pieter Teunisz (1660), Cornelius Tade (1677) oder Focke Geerts (1699) schon im 17. Jahrhundert als erfolgreiche Commandeure an Bord tätig waren. Jedoch sollte der 1701 aufkommende Spanische Erbfolgekrieg diese Einkommensmöglichkeit vorerst bis 1714 nahezu gänzlich verhindern, da auch die Emsmündung nicht von der Auseinandersetzung zwischen Frankreich und dem habsburgischen Österreich um die freigewordene spanische Krone verschont blieb. Dies hatte nämlich zur Folge, dass die hiesige Seefahrt aufgrund von drohenden Kaperungen stark eingeschränkt war – und somit auch die Walfänger nicht mehr zu den Reedern in u.a. Amsterdam gelangten.

    Armut und Hoffnung

    Da in dieser Zeit auch die sonstige Schifffahrt und die damit verbundenen Beschäftigungsmöglichkeiten nahezu zum Erliegen kamen, herrschten auf Borkum große Armut und Verzweiflung, die lediglich durch hin und wieder von untergegangenen Schiffen stammendes Strandgut ein wenig gelindert wurde. Demnach war es für die Insulaner ein wahrer Segen, dass der Walfang nach Ende des Spanischen Erbfolgekrieges wieder Fahrt aufnahm – und sich in den folgenden Jahrzehnten zu eine der wichtigsten Einnahmequellen entwickeln sollte. Und so heuerten immer mehr Borkumer Männer und Jungs bei den Reedern in Emden, Amsterdam und Hamburg als Schiffsjunge, Zimmermann, Smutje, Speckschneider, Harpunier, Steuermann oder Kapitän bzw. Commandeur an, um sich in den Fanggründen vor Grönland, Spitzbergen und der Davis Street (Meerenge zwischen der kanadischen Baffininsel und Grönland) auf die Jagd nach u.a. dem Grönlandwal zu begeben. Die bis zu 20 Meter langen Wale waren besonders wegen ihrer dicken Speckschicht interessant für die Walfänger. Der aus dem ausgekochten Speck gewonnene Wal-Tran war bis ins 19. Jahrhundert hinein ein viel verwendetes Beleuchtungsmittel und bis zur Einführung der Petroleum-Lampe ein gefragter Rohstoff. Zudem verwendete man das biegsame Fischbein der Walbarten u.a. dafür, um Reifröcke, Knöpfe oder Kämme herzustellen. Vor allem lockte dabei aber die Aussicht auf eine ordentliche Heuer, die es fortan ermöglichte, die Familie ernähren zu können – und die die Angst vor den drohenden Gefahren somit ein wenig zur Seite wischte.

    Gefährliche Einsätze

    Denn der Walfang in den arktischen Gewässern war bei Weitem kein Spaziergang und sollte so manchen Insulaner das Leben kosten. Wie der Borkumer Heimatforscher Gregor Ulsamer – der übrigens selbst zahlreiche Walfänger zu seinen Vorfahren zählt – in seinem jüngst erschienenen Buch „Die Borkumer Walfang-Commandeure“ recherchierte, belegen Kirchenbücher, dass allein zwischen den Jahren 1734 und 1797 insgesamt 71 Männer im Zusammenhang mit einer Walfangreise starben – darunter 15 beim Untergang ihrer Schiffe und zehn durch Unfälle. So versank beispielsweise der 33-jährige Commandeur Geert Geelts Eysen mit einem Schiff des Hamburger Reeders Berend Roosen samt Fang und Mannschaft bei der Insel Jan Mayen (zwischen Island und Grönland) auf Nimmerwiedersehen in den Fluten; während elf Borkumer im Alter zwischen 14 und 60 Jahren bei der Ausfahrt auf der Elbe starben, als ihre Schiffe von einem heftigen Orkan überrascht wurden. Besonders gefährlich war auch die direkte Jagd auf die Wale, als die Männer in Schaluppen zu Wasser gelassen wurden und mit Harpunen und Lanzen versuchten, die sich heftig wehrenden Meeressäuger einzufangen. Nicht zuletzt bei diesem Kampf verloren viele Walfänger ihr Leben – so auch der Commandeur Ode Hindriks Hen, der in seinem Fangboot von einem Pottwal erschlagen wurde.

    Schwierige Bedingungen an Bord

    Laut Ulsamer und seinem Co-Autoren Heinrich Georg Johann Vieth starben 46 der 71 Männer mitunter an mangelnder Hygiene, fehlendem frischen Wasser und schlechter Ernährung an Bord der Schiffe. Nicht selten litten sie u.a. unter Lungenkrankheiten, Krätze oder einer lebensbedrohlichen schweren Form des Vitamin-C-Mangels (Skorbut). Allein im Jahre 1734 fehlten in den insgesamt 120 auf der Insel existierenden Haushalten in 40 Familien die Ernährer. Viele Borkumer Frauen wurden zudem in den Folgejahren zu Witwen oder hatten den Verlust ihrer Söhne zu beklagen. Dennoch waren damals weder Waisen noch Witwen auf sich allein gestellt. Denn sie erhielten ausreichend Unterstützung durch verschiedene Hilfsgemeinschaften der Seefahrer, die darauf abzielten, die Familien verunglückter Walfänger zu versorgen.

    Wohlstand und Anerkennung

    Doch trotz der teilweise lebensbedrohlichen Umstände hatte das Walfieber die Insel ergriffen, sodass immer mehr Borkumer Männer und Jungs alle Gefahren vergaßen und sehr erfolgreich dem Walfang nachgingen. Neben jährlich rund 200 Seeleuten in allen Funktionen, stammten im 18. Jahrhundert so mehr als 100 Commandeure von Borkum – und das teilweise über Generationen, da nicht wenige Väter ihre Söhne mit an Bord nahmen und diese zu ihren Nachfolgern aufbauten. Dies brachte der Insel nicht nur große Anerkennung unter Seefahrern, sondern jahrzehntelang auch einen relativen Wohlstand – sodass der Zeitraum noch heute als „goldene Epoche“ bezeichnet wird. So bekamen die Kapitäne und ihre Besatzung oft einen solch hohen Lohn, dass ihre Taschen bei der Rückkehr im Spätsommer und Herbst prall mit Goldmünzen gefüllt waren. Für zehn erlegte Wale erhielt ein Commandeur bis zu 3.600 Gulden – ein riesiger Betrag angesichts des zu dieser Zeit üblichen Jahresgehaltes eines normalen Arbeiters von 250 Gulden.

    Der erfolgreichste Borkumer Commandeur war übrigens Roelof Gerritz Meyer, der mit seiner Mannschaft zwischen 1736 und 1781 auf über 40 Arktis-Fahrten mehr als 300 Wale erlegte. Noch heute erinnert ein Walkinnladenzaun um das Gebäude der Gemeindeverwaltung der evangelisch-reformierten Kirche in der Wilhelm-Bakker-Straße – am ehemaligen Standort von Meyers Wohnhaus – an die zahlreichen Fänge des Commandeurs.

    Das Ende der Walfängerepoche

    Der Beginn der englisch-niederländischen Seekriege im Jahre 1780 läutete jedoch das Ende der Borkumer Walfängerepoche ein. So stieg England zunehmend zur See- und Handelsmacht auf, während die niederländische Dominanz auf den Weltmeeren stark nachließ. Aufgrund der niederländischen Einmischung in den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg blockierte die englische Royal Navy viele Häfen der Niederlande und brachte zahlreiche niederländische Schiffe auf. Das hatte natürlich auch direkte Folgen für die Borkumer, da die für die Niederlande fahrenden Borkumer Commandeure ab 1782 gefangen genommen wurden – und so auch ihre Schiffe und ihr Einkommen verloren. Nachdem der holländische Walfang folglich nahezu komplett zum Erliegen kam, versuchten die Insulaner noch in Hamburg oder Emden anzuheuern. Doch auch hier sollte im Zuge der Napoleonischen Kriege bald Schluss sein – nochmals verstärkt dadurch, dass die Wahlpopulation durch die massive Jagd stark geschrumpft war. Und so endete Anfang des 19. Jahrhunderts eine der herausragendsten wirtschaftlichen Blütezeiten Borkums – was die Insel zunächst erneut in Armut und Depression versinken ließ. Da eine der wichtigsten Einnahmequellen wegbrach, standen viele Einwohner vor dem Nichts und mussten ihre Heimat notgedrungen verlassen. Die hiesige Bevölkerung sank demnach in den Jahren zwischen 1776 und 1811 um mehr als die Hälfte von 852 auf gerade noch 406 Personen.

    Der Attraktivität der Insel und der Gastfreundlichkeit der Insulaner ist es jedoch zu verdanken, dass der schönste Sandhaufen der Welt wieder langsam in die Spur fand. Denn ab 1834 kamen Jahr für Jahr immer mehr Gäste nach Borkum, sodass sich der aufkommende Tourismus hier in den folgenden Jahrzehnten zu einem starken Aushängeschild entwickeln sollte – und bis heute ausreichend Verdienstmöglichkeiten bietet. Der Tourismus hat folglich den Walfang abgelöst – wie auch die herzzerreißenden Abschiedsszenen im Frühling mittlerweile der fröhlichen Stimmung ankommender Gäste gewichen sind.



Newsletter Anmelden

Abonnieren Sie unseren Newsletter