BurkanaEin Stück Borkum...



  • Titelbeitrag No. 74 Herbst 2021
    Von der Pferdebahn bis zur wichtigsten Zugverbindung für Gäste und Insulaner

    Kleinbahn ganz groß

    Von der Pferdebahn bis zur wichtigsten Zugverbindung für Gäste und Insulaner

    Langsam setzt sich die Bahn in Bewegung und dampft gemütlich über die Hindenburgstraße und den Barbaraweg in Richtung Ostland. Nachdem die Dampflok den Flugplatz passiert hat, tuckert sie weiter mitten durch die beschauliche Natur vorbei an den Kobbedünen bis hin zur Endstation an der Aussichtsdüne Steerenk-Klipp. Hier angekommen, steigen zahlreiche Fahrgäste aus, um die beliebte touristische Attraktion zu erkunden, bevor sie schließlich mit der nächsten Ostlandbahn wieder zurück in den Ort fahren.

    Ostlandbahn, entlang der Hindenburgstraße, Endstation Steerenk-Klipp? Ja, Ihre Verwunderung ist nicht unbegründet und Sie haben selbstverständlich recht: Eine solche Zugverbindung existiert natürlich nicht. Zumindest nicht mehr. Denn schrauben wir die Zeit um einige Jahrzehnte zurück, wäre diese nämlich rein theoretisch möglich gewesen. Doch dazu später mehr…

    Bimmelbahn = Urlaubsbeginn

    So ziemlich jeder Gast des schönsten Sandhaufens der Welt möchte diesen Moment nicht missen: Nach der Überfahrt und Ankunft am Hafen fällt sofort die farbenfrohe – auch liebevoll als Bimmelbahn bezeichnete – Borkumer Kleinbahn ins Auge, die für viele den Beginn des langersehnten Urlaubs bedeutet. Dementsprechend gelöst und fröhlich steigen die Besucher ein, lassen sich die frische Nordseeluft um die Nase wehen und genießen die wunderbare Fahrt über den Reededamm sowie durch die Greune Stee. Die Begeisterung und Vorfreude ist ihnen dabei ins Gesicht geschrieben – und ein jeder merkt, dass sie sich riesig darüber freuen, endlich auf der Insel ihrer Träume angekommen zu sein.

    Ob Herbst, Winter, Frühling oder Sommer – zu jeder Jahreszeit pendelt die älteste Inselbahn Deutschlands seit einer gefühlten Ewigkeit täglich mehrmals die 7,5 Kilometer zwischen Inselbahnhof und Fährhafen hin und her und befördert heutzutage jährlich rund eine Million Fahrgäste. Demzufolge gibt es sicherlich nur wenige unter uns, die noch nicht mit der letzten zweigleisigen Schmalspurbahn in Niedersachsen gefahren sind, um ganz bequem an- bzw. abzureisen. Doch ganz so einfach war es nicht schon immer. Denn bevor es Hafen und Reededamm gab, mussten die ersten Urlauber der Insel in den Anfangszeiten des Bädertourismus bis in die 1880er-Jahre hinein noch von Dampfschiffen auf kleine Boote umsteigen, mit denen sie in die Nähe der Wasserkante gebracht wurden. Im flachen Wasser stiegen sie auf Pferdewagen um, die sie dann schließlich vom Süd- oder Südoststrand aus in den Ort brachten

    Wie alles begann
    Apropos Pferde: Die eigentliche Geburtsstunde der Borkumer Kleinbahn geht auf die von der Baufirma „Habich & Goth“ im Jahre 1879 realisierte mit einem Materialgleis versehene Pferdebahn zurück. Nachdem der Alte Leuchtturm abgebrannt war, galt es nämlich, rasch einen neuen Leuchtturm zu errichten, damit die vor der Insel verkehrenden Schiffe weiterhin sicher durch die berüchtigten Gewässer voller gefährlicher Untiefen und Riffe geleitet werden konnten. Nicht zuletzt dieser Pferdebahn, auf der das angeschiffte Baumaterial von der Entladestelle am Hopp bis zur Baustelle transportiert wurde, ist es zu verdanken, dass der Neue Leuchtturm in Rekordzeit hochgezogen und ohne die geringsten Verzögerungen in Betrieb genommen werden konnte. Doch bei der Pferdebahn sollte es nicht bleiben. Bereits im Jahr 1885 erhielt „Habich & Goth“ eine Konzession vom preußischen Staat zum Betrieb einer Eisenbahn vom Ort zum Hafen. Hierfür wurde der östliche Teil der Strecke neu trassiert, auf der ab 1888 von Dampflokomotiven gezogene Personenwagen verkehrten – und die ersten Gäste zum neu geschaffenen Fährhafen transportierten. Verliefen die Schienen dabei anfangs quasi noch direkt auf dem Watt, errichtete man 1889 zunächst einen niedrigen mit Pfählen und Buschwerk befestigten Damm. Da jedoch auch dieser den Wassermassen schon bald nicht mehr standhalten konnte, stabilisierte man den Damm mit Steinen und ließ die Bahn teilweise auf einer Hochbahnstrecke aus Holzpfählen verkehren – bevor das sogenannte Baljefahrwasser Ende des 19. Jahrhunderts durch einen festen Leitdamm gesichert werden konnte. 

    Nicht zuletzt dem „Zusammenspiel“ zwischen dem neuen Fährhafen, an dem die Gastschiffe nun direkt anlegen konnten, dem laufend stabilisierten Reededamm sowie der nun regelmäßig verkehrenden Inselbahn ist es zu verdanken, dass sich Borkum zu der touristischen Hochburg entwickelt hat, die sie heute ist.

    Massiver Streckenausbau
    Seit 1903 werden die Geschicke der Inselbahn von der Borkumer Kleinbahn und Dampfschifffahrt AG (später in Borkumer Kleinbahn und Dampfschifffahrtgesellschaft GmbH umgewandelt) mit dem Mehrheitsaktionär AG EMS verantwortet, unter deren Leitung das hiesige Bahnnetz zunächst massiv ausgebaut wurde. Bedingt durch den von Kaiser Wilhelm II verliehenen und später durch Adolf Hitler erneuerten Status einer Seefestung wurden im Vorfeld des Ersten und Zweiten Weltkrieges zahlreiche militärische Anlagen – wie z.B. die einst zwischen dem Café Sturmeck und dem Strandcafé Seeblick stationierte Batterie Coronel – errichtet, die fast allesamt von der Inselbahn angefahren werden konnten. Alten Aufzeichnungen zufolge wuchs die Gleislänge auf der Insel bis zum Jahr 1938 auf insgesamt 45 Kilometer an – und allein auf der Stammstrecke zwischen Reede und Bahnhof gab täglich bis zu 50 Fahrten. Darüber hinaus verfügten die seinerzeit rein militärisch genutzten Strecken über zahlreiche Abzweigungen zu Munitionsdepots, Kasernen und Flakstellungen, während die extra dafür geschaffene Ostlandbahn sogar durchs Ostland bis ganz nach Duala und fast bis zur Bunkeranlage an den Sternklipp-Dünen führte. Auf dieser befindet sich übrigens heute die anfangs erwähnte Aussichtsdüne Steerenk-Klipp, die man damals tatsächlich mit der Bahn erreichen konnte. Bedenkt man aber, dass man dafür in dieser Zeit ein Soldat im Krieg sein musste, sollten wir heute ausgesprochen froh darüber sein, dass es diese Möglichkeit nicht mehr gibt – und uns lieber friedlich aufs Fahrrad schwingen, um die touristische Attraktion zu erkunden.

    Nordstrandbahn
    Die verschiedenen Strecken wurden aber nicht nur militärisch genutzt, sondern dienten wie im Fall der Strandbahn auch dem Materialtransport für den Bau der westlichen Schutzbauwerke gegen Sturmfluten. Ein Teil der dafür vorgesehenen Strecke war vorübergehend sogar eine richtige touristische Attraktion. So brachte die sogenannte Nordstrandbahn ab 1929 jährlich Tausende Badegäste vom damals noch existierenden Nordbahnhof in Höhe des Hotel Hohenzollern bis zum Café Sturmeck, wo sich zeitweilig der Hauptbadestrand der Insel befand. Erst im Jahre 1953 wurde der regelmäßige Pendelverkehr eingestellt, da sich der Hauptbadestrand aufgrund natürlicher Sandmassenwanderung wieder Stück für Stück in Richtung Wandelbahn verlagerte.

    Nostalgische Ausflugsfahrten und mehr…
    Und auch die übrigen Streckenverläufe wurden im Laufe der Zeit stillgelegt, sodass lediglich noch die Stammstrecke vom Inselbahnhof via Jakob-van-Dyken-Weg bis zum Fährhafen existiert, auf der Gäste und Insulaner heutzutage hauptsächlich mit modernen Dieselloks und den dazugehörigen Personenwagen hin und her gefahren werden.

    Sie möchten einmal in die Geschichte der Inselbahn eintauchen und wie früher mit einer Dampflok über die Insel tuckern? Kein Problem! So bietet die Kleinbahn regelmäßig nostalgische Ausflugsfahrten mit dem historischen Dampfzug „Borkum“ samt historischen Waggons an, in der Sie sich in die Zeit um 1900 versetzt fühlen. Wer noch weiter gehen möchte, kann übrigens sogar einen ganztägigen Ehrendampflokführer-Kurs bei der Kleinbahn absolvieren und einmal selbst im Führerstand einer Dampflok stehen.

    Und nicht nur das! Für Eisenbahnfans halten die Verantwortlichen auch noch eine weitere Überraschung bereit: eine Fahrt mit dem Borkumer Schienenbus bzw. Triebwagen T1, der liebevoll Schweineschnäuzchen genannt wird. Abgerundet wird das Angebot noch durch die Möglichkeit einer Werkstattbesichtigung, in der Interessierte beobachten, wie der Fuhrpark der Borkumer Kleinbahn fahrbereit gehalten wird. Genaue Termine dafür entnehmen Sie bitte der Webseite der Borkumer Kleinbahn.

    Bis zum nächsten Mal…
    Während die Stimmung der meisten Fahrgäste auf dem Weg vom Hafen zum Inselbahnhof – wie beschrieben – mehr als freudig und gelöst ist, ist diese auf dem Rückweg natürlich etwas getrübt. 

    Denn nun ist der Urlaub wieder vorbei. Aber Kopf hoch, liebe Gäste – der nächste Aufenthalt auf dem schönsten Sandhaufen der Welt kommt sicher bald! 

    Und dann wartet garantiert auch wieder die bunte Borkumer Bimmelbahn am Fährhafen auf Sie.



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