BurkanaEin Stück Borkum...



  • Heimat, das schöne Wort

    Heimat, das schöne Wort

    Oft in Misskredit geraten. Versuch einer Rehabilitierung. Mit Hilfe der Worte von Mitmenschen

    Von Wolf Schneider

    Heimat. Dieses Wort ist so vielfältig in Misskredit geraten, dass es schwerfällt, unvoreingenommen darüber zu schreiben. Die Nazis nahmen den Begriff mit ihrer Blut-und-Boden-Ideologie in Geiselhaft. Die Filme der 1950er-Jahre zerflossen in kitschiger Trachtenhosen-Folklore vor schneebedeckten Bergen. Bis heute gibt es unter uns Menschen, die sich Weltenbürger nennen, auf keinen Fall Deutsche sein wollen und das Wort Heimat zum Tabu erklären. Und es gibt inzwischen eine neue Partei, die ein Monopol auf diesen Begriff in Anspruch nimmt und für ihre Zwecke instrumentalisiert. 

    Wie wichtig ist unser Land als Heimat?  Keinesfalls ist sie die unter einer nationalen Flagge versammelte politische Gemeinschaft. Damit müssen wir Deutschen klarkommen. Deutscher Patriotismus war nach dem Zweiten Weltkrieg quasi abgeschafft. Erinnern wir uns an die Fußball-WM 2006 in Deutschland. Schwarz-rot-goldene Flaggenmeere, Glückstaumel auf allen Fanmeilen, es war wieder so schön normal, sich zu unserem Land zu bekennen. Plötzlich aber, nur wenige Jahre später, ist Nationalstolz wieder ein Problem. Weil diffuse Ängste, geboren aus einer schwierigen Asylpolitik, Mittelstandsängsten und Kulturwertdiskussionen plötzlich mit einer Gefahr für die Heimat gleichgesetzt werden. 

    Aber Heimat ist nicht gleichbedeutend mit Abschottung, Ausschluss, Ablehnung. Denn Heimat ist viel, viel mehr. Und etwas ganz anderes. Einige versuchen gerade den Begriff Heimat zu rehabilitieren, sich von dieser negativen und eindimensionalen Betrachtungsweise zu lösen. Versuchen ihm einen, seinen, ursprünglichen Sinn wiederzugeben. Auch ich werde das jetzt versuchen. Mit Menschen, Erinnerungen und Gefühlen an Orten, die mir Heimat sind.  Und dazu habe ich Menschen nach ihrer Meinung gefragt, die es wissen müssten. Und die wissen es auch. 

    Viele von uns verbinden mit Heimat als Erstes die schönen Erinnerungsstücke aus der Kindheit. An das Fleckchen Erde, auf dem wir groß geworden sind, unser Dorf, unsere Stadt, unsere Gegend. An das Haus unserer Eltern. An die Mädchen und Jungen, mit denen wir auf der Straße Fußball und Verstecken spielten, Fahrrad fuhren und ins Schwimmbad gingen, mit dem Gameboy daddelten und Panini-Bildchen sammelten. Unser Gefühl sagt uns noch heute, das ist unser Zuhause, die heimatliche Kindheit und Jugend. 

    Philosophen können uns ja zum Glück komplizierte Dinge einfach erklären. Der Philosoph Karl Jaspers kann das auch: „Heimat ist dort, wo ich verstehe und verstanden werde“, sagt er. Ich verstehe ihn so, dass Heimat also etwas ist, was ich in meinem Inneren mit mir trage. Verstehen und verstanden werden ist also auch eine Form des Zusammenlebens, der gleichen Sprache, der gleichen Lebensform. Also all die Dinge, die uns Sicherheit geben. Heimat ist also auch Sicherheit. 

    Ist Heimat denn mehr als ein geografischer Ort?  Kann es mehrere Heimaten geben?  Ich meine, ja. Familiär und beruflich bedingt habe ich eine reichliche Anzahl von kleinen Heimaten. In einem Dorf in der Nähe von Osnabrück geboren und aufgewachsen, sind meine Heimatgefühle die Erinnerungen an eine glückliche Kindheit. Frankfurt am Main, viele haben die Skyline gehasst, ich liebe die Hochhauskulisse bis heute. Buenos Aires, die große aufregende Welt Südamerikas, die mich bis heute fest umklammert. Überträgt das Fernsehen Spiele südamerikanischer Fußballmannschaften, jubele und fluche ich auf Spanisch, auch eine Heimat tief in mir drin. Auch Hamburg, das weltoffene und große Tor zur Welt, hat seinen heimatlichen Platz in mir gefunden.  

     Herzklopfen bei Berlin und Borkum 

    Aber bei all dem gibt es nur zwei Orte, bei denen ich Herzklopfen bekomme, wenn sie vor mir auftauchen: Berlin und Borkum. Komme ich aus dem Westen und fahre über die Avus in die Stadt hinein, sehe ich vor mir den Langen Lulatsch, den Berliner Funkturm, dieses so wunderschön altmodische Stahlgerüst. Mal blitzt er silbern in der Sonne, mal wird er grün, mal rot, mal violett angestrahlt. Jetzt weiß ich, ich bin zu Hause.  Nach vielen Jahren der Wanderschaft ist Berlin eine meiner beiden Heimaten geworden. Und die andere Heimat: Borkum. Auch dort klopft das Herz, wenn ich vor mir meine Aussichtsdüne in den Norddünen, „Sehsucht“ habe ich sie genannt, auftaucht. Weit geht der Blick hinaus in alle Himmelsrichtungen. Kein Hindernis stört den Blick zwischen Himmel und Erde, zwischen Dünen und Strand, zwischen Meer und Dorf.

    Berlin und Borkum.  Beides brauche ich als Heimat. Die eine geht nicht ohne die andere. Berlin, die quirlige Metropole mit dem rauen Charme, mit prallem Leben Tag und Nacht., inspirierend aufregend. Und Borkum, die Insel, die hält, was sie verspricht. Eine Insel, auf der ich mich sowohl behütet und gleichermaßen frei fühle.  Aber, wo auch immer der Ort, das Gefühl der Heimat ist. Er war und ist es für mich immer dort, wo meine Familie ist, meine Frau, meine Kinder, meine Freunde. Also ist Heimat doch ein Ort?  Ja, das glaube ich. Aber Heimat ist mehr als der Ort. Heimat ist darüber hinaus eine Stimmung, ein Gefühl, undefinierbar aber fest mit uns verbunden.  Jeder von uns hat seine eigene. Und all das ist zusammengefasst in dem Wort Heimat. Und das macht unser Leben aus. 

     Muhamad Abdi, syrischer Kurde, Journalist in Berlin beim Tagesspiegel 

    „Vielleicht war meine Heimat einfach unser Haus, damals als ich fünf Jahre alt war. Seitdem ist meine Heimat genauso wie ich unterwegs. Sie ist kein fester Ort. Sondern sie ist dort, wo ich in meinem Leben Freunde gewinne und mit denen ich meine Zeit verbringe. Heimat ist kein Ort, sondern ein Gefühl.“

     Johannes Akkermann, Schulleiter Borkumer Inselschule 

    „Heimat ist für mich ein identitätsstiftender Begriff. Heimat ist ganz klassisch erst einmal dort, wo meine Familie und meine Freunde sind. Denn Heimat bedeutet Geborgenheit. Borkum als Ort ist meine Heimat, aber man erkennt Heimat erst, wenn man weg ist. Erst in der Fremde wird einem bewusst, wie wichtig sie ist. Als Indikator für Heimat habe ich die Emotion Heimweh erkannt: den Geruch von Meer, den Geschmack typischer Gerichte, Kindheitserlebnisse. Heimat auch als Plural? Ja, es kann Heimaten geben. Wir können Orte und Menschen auf der Welt finden, da fühlen wir uns geborgen.

    Der Begriff Heimat kann ein kleines Minenfeld im Sinne von Abschottung und Abwehr sein. Heimat darf nicht zur Wagenburg verkommen. Borkum hat eine große Integrationskraft, sichtbar auf der persönlichen Ebene zwischen den Menschen. Heimat heißt für mich auch, andere einzubeziehen. Und das ist auf Borkum so deutlich sichtbar, wenn ich z.B. sehe, dass beim Kleinen Klaasohm Jungens mit Migrationshintergrund engagiert und sehr begeistert mitmachen. Unsere stabile Heimat kann also auch Fremde aufnehmen. Auch Geschichte ist für mich wichtig für den Begriff Heimat. Geschichte ist identitätsbildend, wenn wir uns auch den dunklen Seiten unserer Vergangenheit stellen und sie aufarbeiten. Oder die gemeinsamen traurigen Erinnerungen z.B. an den Untergang der „Annemarie“, die auf See gebliebenen Männer der DGzRS oder an die Flugzeugabstürze 1967 und 1983.  Gemeinsames Leid bringt die Menschen zusammen. Auch das ist Heimat.“  

     Karl Jaspers, Philosoph

    „Heimat ist dort, wo ich verstehe und verstanden werde.“

     Osman Kalkinc, Borkumer Gastronom 

    „Wenn ich an meine Kindheit denke, ist meine Heimat mein Dorf,  in dem ich geboren wurde. Als Jugendlicher und Erwachsener lebe ich auf Borkum. Wenn ich irgendwohin reise, habe ich nach zwei Tagen Heimweh nach Borkum. Man muss immer eine klare Entscheidung treffen, ansonsten macht das ständige Hin und Her der Gefühle  gewaltigen Stress. Ich habe entschieden, dass meine Heimat Deutschland und Borkum ist. Ich habe zwei deutsche Kinder zu Hause, die mit westlichen Werten leben und aufwachsen. Ich bin sehr dankbar, auf Borkum zu leben. Es ist keine Frage mehr, meine Heimat ist Borkum.“

     Georg Lübben, Bürgermeister 

    „Heimat ist für mich Borkum. Meine Insel,  auf der ich zu Hause bin und wo ich mich wohlfühle, wo ich vor 62 Jahren geboren wurde. Auf der die Menschen leben, die ich liebe, wo meine große Familie lebt, angefangen bei meinen Eltern, bis zu meinen 1-Jährigen Enkeln. Dort, wo meine Freunde leben, für die ich leider momentan viel zu wenig Zeit habe. Borkum, mit seinen vielen liebenswerten Menschen, die sich für andere einsetzen und engagieren. Wo man sich kennt, wo man bei allen Problemen – die es natürlich gibt – zusammenhält, wenn es drauf ankommt. 

    Die Insel, für die ich die Ehre habe, mich einsetzen zu dürfen. Wo wir unsere wunderbaren und manchmal von außen mit Staunen betrachteten Traditionen pflegen wie Klaasohm, Osterfeuer, Pfingstzelten… Traditionen, für deren Aufrechterhaltung wir immer wieder kämpfen. Heimat ist das Gefühl, das ich habe, wenn ich mit meinen Borkumern  und  Butenbörkumern Klaasohm feiere. Wenn man mit Tranen in deij  Oogen bi deij Kampf steiht, off wenn deij Klaasohm van dat D jumpt. Heimat ist auch die Freude und das Glück, das man empfindet, wenn man von einer Dienstreise oder von einer Urlaubsreise zurückkehrt und die ersten Menschen schon auf der Fähre trifft, die man kennt. 

    Borkum, mit seiner einzigartigen Natur, die wir schützen müssen und wo wir dafür sorgen müssen, dass es lebens- und liebenswert bleibt. Borkum, der Ort, den meine Tochter als Jugendliche unbedingt verlassen wollte und an den sie nach vielen Jahren jetzt mit meinem kanadischen Schwiegersohn und mit meinen Enkeln zurückgekehrt ist. Der Ort, von dem sie jetzt nie wieder wegziehen wollen und für den sie das wunderschöne Kanada verlassen haben.“

     Niklas Meeuw, Oldermann des Verein Borkumer Jungens e.V. 1830 

    „Heimat ist da, wo ich mich wohlfühle, da, wo ich immer wieder hin zurückkehren würde und da, wo der Großteil meiner Freunde und Bekannten lebt.

    Auch unser Verein Borkumer Jungens steht für mich für Heimat. 

    Heimat durch Heimatpflege, welche nicht nur in unserer Satzung fest verankert ist, sondern uns auch sehr am Herzen liegt und von uns aktiv gelebt wird. Heimat ist für viele Jungens die Verbundenheit zu unserer Insel, unsere plattdeutsche Sprache, der Maibaum, die Strandfete, Klaasohm, der Erhalt der Kaaps und vieles mehr. Alles das ist unsere Insel, unsere Insel ist unsere Heimat.“

     Markus Stanggassinger, Vorsitzender des Heimatvereins der Insel Borkum e.V. 

    „Heimat, das ist für mich der Strand, die Sonne, die Stürme, sind alle Facetten der Insel. Heimat sind die Menschen, die hier sind. Heimat ist für mich auch die Sprache. Aber Heimat darf nicht ins Nationalistische abgleiten. Heimat ist auch Kontinuität, deswegen lege ich so großen Wert darauf, dass unser Heimatmuseum auch weiterhin den Begriff Heimat im Namen trägt. Heimat ist für mich mehr ein Gefühl als ein Ort, Gefühle, die man mit dem Ort Borkum verbindet.

    Zwei Heimaten zu haben, kann ich mir nicht vorstellen. Heimat hat man nur einmal, sich heimisch zu fühlen, ist etwas anderes, als eine Heimat zu haben.“

     Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident 

    „Ein Mensch kann Heimat verlieren, aber auch eine neue Heimat gewinnen. Heimat gibt es für viele auch im Plural.“

     Berni Wessels, Butenbörkumer 

    „Heimat ist und bleibt für mich Borkum. Heimat Borkum ist wie ein Anker mit einer ganz langen Leine, die ihren Haltepunkt nun in Wittenberg – meinem schönen neuen Zuhause – hat. Mehrere Heimaten gibt es wohl nicht – einzahlig HEIMAT. Heimat ist auch für mich an Orten, wo ich meine Heimat wiederfinde, z.B. Hamburger Hafengeburtstag Feuerschiff BORKUMRIFF – oder ganz einfach CD Shantychor Oldtimer. Man kennt fast jede Stimme und Baschans Solo habe ich schon beim Borkumer Männerchor bewundert. Du meine Heimat, heiliges Land! Ich liebe Dich, luttjet leiwet Inselland!

    Es drückt nur meine Gefühle aus, wenn ich an unsere schöne Insel denke. Wenn ich überdenke, dass all diese Flüchtlinge, die nun übers Mittelmeer zu uns kommen, etwas verloren haben, was wir mit dem Wort Heimat ausdrücken wollen, dann habe ich sehr viel Mitleid mit diesen Menschen. Heimat ist unersetzbar. Ein Zuhause findet man überall – und was man daraus macht, bleibt einem selbst überlassen.

    Aber Heimat – ein einzigartiger Ort!“