BurkanaEin Stück Borkum...



  • Strandzelt versus Strandkorb

    Wie sich Tradition und Gemütlichkeit auf Borkum die Waage halten  Wie sich Tradition und Gemütlichkeit auf Borkum die Waage halten  

    Was gab es zuerst?

    Was war zuerst da: die Henne oder das Ei? Über diese eher philosophische Frage streitet sich die Menschheit schon seit jeher – um am Ende immer wieder zur Erkenntnis zu gelangen, dass es sich hierbei doch eher um eine Redewendung handelt, auf die es niemals eine klare Antwort geben wird. Daher an dieser Stelle eine andere Frage, die sich vielleicht etwas einfacher beantworten lässt: Was gab es zuerst – und wer setzte sich am Ende durch: das Strandzelt oder der Strandkorb?

    Schaut man sich einmal genauer an den Küsten sowie auf den Inseln der Ost- und Nordsee um, findet man Strandkörbe wie Sand am Meer. Zweifelsohne gehören sie hier zum gewohnten Bild, sodass eine Antwort auf die obige Frage eigentlich auf der Hand liegt. Gäbe es da nicht die Insel Borkum, deren Strände – getreu dem Motto „Auf Borkum ist alles anders“ – viele Jahrzehnte ausschließlich von bunten Strandzelten bevölkert wurden. So gelten diese insgeheim als Borkumer Erfindung – und entwickelten sich im Laufe der Zeit zu einem echten Wahrzeichen der größten ostfriesischen Insel. Nicht ohne Grund finden sich auf zahlreichen alten Karten, Bildern oder Titelseiten von Urlaubsbroschüren neben den Leuchttürmen vor allem die bunten Strandzelte als typische Motive der Insel.

    Am Anfang war der Korb

    Beschäftigt man sich jedoch näher mit der jeweiligen Entstehungsgeschichte, kommt man rasch zu der Erkenntnis, dass am Anfang tatsächlich der Korb war. Demnach wurden die ersten geflochtenen Weidensessel bereits im 16. Jahrhundert genutzt – dienten damals aber vorerst lediglich als Schutz vor Kälte in großen kalten Räumen. Da die Herstellung dieser „Möbelstücke“ zu dieser Zeit vermutlich nicht günstig war – und man sich auch noch lange nicht zum Badeurlaub am Strand traf – verzichtete man darauf, diese nach draußen zu stellen und der Witterung auszuliefern.

    Erst mit der Entstehung der Seebäder tauchten die Körbe mehr und mehr an Stränden auf. Vor allem war dieses dem Rostocker Hof-Korbmeister Wilhelm Bartelmann zu verdanken, der im Auftrag der Berliner Urlauberin Elfriede von Maltzahn im Jahre 1882 den ersten Strandstuhl fertigte. Die von Rheuma geplagte Dame reiste damals jedes Jahr in der Vorsaison an den Strand von Warnemünde, um hier das gesunde Reizklima des Meeres zu genießen – und bat um die Entwicklung einer Sitzgelegenheit für den Strand, die Schutz vor Wind und starker Sonneneinstrahlung bot.

    Und so schuf Bartelmann – ein Meister seines Korbflechterfachs – den ersten Strandkorb der Welt: ein aus Rohr geflochtener Einsitzer mit gepolstertem Bänkchen, einer Haube aus gestreiftem Stoff und einem kleinen dekorativen Volant. Schnell zog Frau von Maltzahns neue Strandheimat alle Blicke der anderen Urlauber auf sich. Die Nachfrage nach einem solchen Wind- und Sonnenschutz stieg so rasant an, dass seine Frau Elisabeth bereits ein Jahr später die erste Strandkorbvermietung eröffnete.

    Die einfachen Körbe verbreiteten sich in den Folgejahren rasch an Nord- und Ostsee – und fanden ihren Weg schließlich auch nach Borkum. Die Insel entwickelte sich in dieser Zeit – u.a. begünstigt durch den Bau prächtiger Hotels und der Inbetriebnahme der Inselbahn – zum angesagten Badeort, der immer mehr Gäste anzog. Übrigens: Der ursprüngliche Strandkorb sah folglich noch etwas anders aus als heute – und war vorerst eine einfache Korbkonstruktion, in der nur eine Person Platz fand. Die Modelle mit klappbarer Rückenlehne wurden erst ab 1897 vom ehemaligen Gesellen Bartelmanns – Johann Falck – entwickelt.

    Strandzelte kommen mit großen Schritten

    Während auf alten Postkarten bzw. Lithographien von Anfang der 1890er-Jahre noch zu erkennen ist, wie die feine Gesellschaft fast ausschließlich Strandkörbe benutzte, sollte sich das Bild innerhalb von zehn Jahren komplett ändern. Zwar gibt es leider keine genauen Aufzeichnungen über das Auftauchen der bunten Strandzelte, vertraut man jedoch den Erscheinungsdaten der damals schon herausgegebenen Postkarten, kann davon ausgegangen werden, dass diese ab ca. 1896 „die Macht am Strand übernahmen“. Demnach waren die Strandkörbe bereits in den Jahren 1899/1900 zum größten Teil verschwunden und die Strände der Insel schon damals ein buntes Meer aus Zelten – deren Anzahl parallel zu den steigenden Gästezahlen stetig anwuchs.

    Nicht zuletzt lag das auch daran, dass die Strandzelte sehr praktisch waren – und den einfachen Körben gegenüber eine Menge Vorteile boten. So konnten in ihnen beispielsweise gleich zwei Personen Platz nehmen, sie boten einen nahezu perfekten Schutz vor Wind und Regenschauern, ermöglichten ungestörtes Umkleiden, das trockene Aufbewahren von Kleidung – und dienten vielen Kindern aufgrund ihrer verschiedenen Farben als Orientierungshilfe am weitläufigen Strand.

    Zudem beweist die bis heute kaum veränderte Bauweise der Strandzelte, dass die Borkumer Erfindung von Anfang an fast perfekt gewesen sein muss. Wurden die Strandkörbe nämlich nach und nach vom einfachen Einsitzer zum klappbaren Zweisitzer modifiziert, haben sich die Strandzelte seit ihrer ersten Konstruktion nur minimal verändert. Demnach können deren Sitzbänke heutzutage in zwei Teile zerlegt werden – was der Gast jedoch gar nicht merkt. So dient diese Weiterentwicklung lediglich dem Strandzeltvermieter, der seine Zelte so einfacher abbauen und im Winter einlagern kann.

    Einträgliches Geschäft

    Sahen Insulaner in der Vermietung von Zelten vorerst lediglich die Möglichkeit, sommersaisonbedingte Arbeitslosigkeit zu überbrücken, entwickelte sich die Strandzeltvermietung nach und nach zu einem einträglichen Geschäft. Es entstanden richtige Strandzeltvermieterfamilien, sodass die jeweiligen Zelte meistens an die Söhne oder Schwiegersöhne übergingen – teilweise jedoch auch anderweitig weiterverkauft wurden.

    Bis in die späten 1950er-Jahre waren die gestreiften Strandzelte übrigens noch gekrönt durch attraktive Holzknöpfe, deren Farben und Formen auf den jeweiligen Strandzeltvermieter verwiesen. Da ihre Instandhaltung jedoch sehr aufwendig war, und die Holzknöpfe zudem bei Sturm häufig die Nachbarzelte beschädigten, verzichteten die Vermieter schließlich auf sie. Eine eindrucksvolle Sammlung dieser historischen Holzknöpfe mit Hinweisen auf die Vermieterfamilien findet sich heute noch im Heimatmuseum „Dykhus“ am Fuße des nachweislich ersten Deiches, der auf Borkum gebaut wurde.

    Zwar sind die Holzknöpfe an den Stränden Borkum mittlerweile komplett verschwunden, jedoch tut das dem Geschäft der Strandzeltvermieter keinen Abbruch. Noch immer sitzen sie in ihren kleinen Hütten am Nord- und am Südbad, um Gästen hier ein kleines Zuhause zu vermieten. Oftmals vertrauen letztere dabei jedes Jahr auf den gleichen Strandzeltvermieter – und bevorzugen nicht selten auch ihren gewohnten Stammplatz.

    Treffpunkt junger Leute

    Auch wenn es nicht jeder Strandzeltvermieter und Ordnungshüter gerne gesehen hat, waren die bunten Zelte viele Jahre lang ein beliebter Treffpunkt zahlreicher Jugendlicher. Sicherlich können sich einige Leser noch gut daran erinnern, wie sie sich früher mit Freunden am Strand verabredeten und hier mitsamt einer Kiste Bier einen unvergesslichen Abend an und in den Strandzelten verbrachten. Und auch, wenn es mal anfing zu regnen, war das noch lange kein Grund, nach Hause zu gehen. Kurzerhand schob man einfach die Zelte zusammen – schon saß man absolut im Trockenen. Nicht selten nahmen hierbei übrigens auch die ersten Urlaubsromanzen ihren Lauf.

    Renaissance der Strandkörbe

    Die ersten modernen Strandkörbe tauchten erst ab den 1980er-Jahren wieder vermehrt auf der Insel auf. Aufgrund ihrer gemütlichen, eleganten und robusten Art verbreiteten sie sich rasch an Nord- und Südbad, sodass sich Körbe und Zelte heutzutage die Waage halten. Waren sie anfangs – ähnlich wie anderswo an der deutschen Küste – noch klassisch weiß, findet man die Körbe mittlerweile in verschiedenen bunten Farben. Borkum bleibt sich damit treu – und stellt mit der Farbenfreude erneut unter Beweis, dass hier immer noch alles ein wenig anders läuft.

    Bildquellen: Bernie Wessels, Torsten Dachwitz



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