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  • Ein bislang nicht gekanntes Sicherheitsniveau

    Interview mit Carsten Lippe, Pressesprecher Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz

    Wie schätzen Sie die Prognosen bezüglich des Meeresspiegelanstiegs ein?

    Eine globale Erwärmung und ein daraus resultierender beschleunigter Anstieg des Meeresspiegels werden unstrittig kommen. Über seine Größenordnung gehen indes die Meinungen der Wissenschaftler deutlich auseinander. Die Experten des Weltklimarates IPCC gehen in ihrem letzten Bericht aus dem September 2019 von einem Anstieg des Meeresspiegels zwischen 60 und 110 Zentimetern bis zum Ende dieses Jahrhunderts aus. Solche Projektionen bis zum Ende des Jahrhunderts und darüber hinaus sind naturgemäß von zahlreichen Unsicherheiten gekennzeichnet. Die hohen Schwankungsbreiten beruhen dabei vor allem auf unterschiedlichen Szenarien für die weltwirtschaftliche Entwicklung und der politischen Entscheidungen zum Klimaschutz sowie auf naturwissenschaftlichen Kenntnisdefiziten.

    Sind die Küstenländer gegen den Meeresspiegelanstieg gewappnet?

    Die Prognosen der Forscher werden vom NLWKN und vom Land Niedersachsen sehr ernst genommen. Bereits seit 2007 wird deshalb ein Meeresspiegelanstieg von 50 cm für Küstenschutzplanungen als Vorsorgemaß bei allen Deicherhöhungen und Deichneubauten  berücksichtigt. Massivbauwerke wie Sperrwerke, Siele und Schutzmauern werden zudem heute schon so gegründet, dass sie nachträglich um bis zu einen Meter nachgerüstet werden können; auch die Deiche können jederzeit erhöht werden. Ein deutlich verstärkter Anstieg des Meeresspiegels ist auch in ungünstigen Projektionen vor allem in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zu erwarten. Es verbleiben also auch bei ungünstigen Entwicklungen noch mehrere Jahrzehnte für weitere Anpassungsmaßnahmen. Die Küstenländer sind gegenwärtig dabei, gemeinsam Strategien zur Anpassung an den Klimawandel auf Basis der Ergebnisse des SROCC (Sonderbericht über die Ozeane und die Kryosphäre in einem sich wandelnden Klima) des IPPC weiterzuentwickeln.

    Wie reagiert der NLWKN auf den steigenden Meeresspiegel?

    Der NLWKN verfolgt die Debatte um den steigenden Meeresspiegel und mögliche Auswirkungen auf den Küstenschutz in unserer Region sehr aufmerksam. Dabei steht er auf verschiedenen Ebenen in engem Austausch mit den anderen deutschen und europäischen Küstenländern und beteiligt sich bereits seit Jahrzehnten an entsprechenden europäischen Forschungsvorhaben. Genannt sei hier beispielhaft das Forschungsprojekt WADE der Forschungsstelle Küste, welches sich schon Anfang der 1990er-Jahre mit Auswirkungen eines beschleunigten Meeresspiegelanstiegs auseinandersetzte.

    Wesentlich ist aus Sicht des NLWKN, den technischen und wissenschaftlichen Kenntnisstand laufend zu verbessern und den Sicherheitsstandard der Küstenschutzanlagen regelmäßig zu überprüfen. Nach 2007 und der Vorlage des Generalplans Küstenschutz wurden die Deiche 2013 erneut überprüft – die Ergebnisse fließen in die aktuelle Küstenschutzplanung ein. Ganz grundsätzlich gilt: Küstenschutz wird auch in Zukunft eine Daueraufgabe bleiben. Trotzdem muss betont werden, dass der Küstenschutz in Niedersachsen heute ein bislang nicht gekanntes Sicherheitsniveau bietet. Je nach regionalen Gegebenheiten liegen die Deichhöhen z.T. bei mehr als neun Metern über dem jeweiligen Gelände. Allein im zurückliegenden Jahr 2019 sind umfangreiche Küstenschutzprojekte fortgeführt (Deichverstärkung in der Krummhörn/ Ostfriesland) oder abgeschlossen worden (Elisabethgrodendeich/Jadebusen, Deicherhöhung und Verstärkung auf Wangerooge).

    Bildquellen: burkana, Torsten Dachwitz, NLWKN