BurkanaEin Stück Borkum...



  • Der Weg zum Gastgeber (Teil 1)

    Entwicklung der Gastronomie im Auf und Ab der Borkumer Geschichte

    Die Nordseeinsel Borkum ist als schönster Sandhaufen der Welt zweifellos in vieler Hinsicht ein Paradies und DIE Trauminsel schlechthin. So genügt es, hier einfach nur tief durchzuatmen – und schon spürt man Gesundheit, Wohlbefinden und Entspannung zugleich. Kein Wunder daher, dass sowohl Borkumer stolz auf ihre Heimat sind, als auch der Gast von der Insel schwärmt, schnell zum Stammgast wird – und sich schließlich unsterblich in die größte der Ostfriesischen Inseln verliebt. Jedoch wird man von Luft und Liebe allein nicht satt, sodass Einheimische und Touristen hier neben Lebensmittelmärkten und den Buffets in Hotels und Pensionen eine Vielzahl an Restaurants, Bars und Cafés finden, die keinerlei kulinarische Wünsche offen lassen.

    Was heute als selbstverständlich gilt, hat sich jedoch erst aufgrund – und im Laufe – der facettenreichen Geschichte Borkums entwickelt. Mit Unterstützung durch den renommierten Inselhistoriker Jan Schneeberg sowie dem bekannten Borkumer Berni Wessels hat sich die BURKANA-Redaktion einmal auf die Spur begeben und sich damit beschäftigt, wie sich die Insulaner früher auf Borkum ernährt – und schließlich zum Gastgeber entwickelt haben.

    Abstecher in die Vergangenheit

    Damit Sie die Geschichte und Notwendigkeit der Entwicklung von Gastronomie und Restauration auf Borkum nachvollziehen können, reisen wir an dieser Stelle gedanklich ein paar Jahrhunderte in die Vergangenheit zurück: Am 11. September 1398 erstmalig urkundlich erwähnt, diente Borkum zunächst u.a. als Fluchtort für Piraten, die sich hier vor den Häschern der Hanse versteckten. Der wohl bekannteste „Gast“ war damals kein geringerer als der berüchtigte Pirat Klaus Störtebeker, der laut weit verbreiteter Sage sogar seinen Schatz hier in den Woldedünen versteckt haben soll.

    Als sich um das Jahr 1500 stabile Dünenketten gebildet hatten, die den langfristigen Bestand der Insel sicherten, begannen die damaligen Landsherren um die Grafen von Ostfriesland damit, Nutzland an einige der wenigen auf Borkum lebenden Menschen zu verpachten. Folglich verdingten sich diese zunächst als Bauern, die Kühe hielten und auf den Weiden grasen ließen. Als zusätzliches Einkommen für die Insulaner diente damals angespültes Strandgut, das nicht selten einen gewissen Nutz- oder Tauschwert hatte.

    Die Vögte

    Damit die Landesherren jedoch die Oberhand über die Einkünfte der Insulaner behielten – und letztere auch ja nicht vergaßen, einen großen Teil des gefundenen Strandguts abzutreten – setzten die Herrscher bis ins frühe 19. Jahrhundert hauptamtliche Vögte ein. Der jeweils amtierende Vogt – in den meisten Fällen kein Borkumer – hatte fortan die oberste Polizeigewalt, war den Insulanern aber schon bald ein Dorn im Auge. So drängte er ihnen immer mehr Regeln auf, gängelte sie zunehmend und missbrauchte nicht selten sichtbar seine Macht. Demnach verbot er beispielsweise nicht nur, die einzige Fleischquelle Kaninchen zu fangen (da er die Kaninchenjagd teuer verpachtet hatte), sondern erhob auch immer höher werdende Steuern sowie Abgaben auf geborgenes Strandgut.

    Der Hintergrund für die Raffgier der Vögte war folgender: Das Amt des Vogtes konnte damals im Rahmen einer Ausschreibung käuflich erworben werden. Erst einmal im Amt, versuchten die Vögte ihr investiertes Geld so schnell wie möglich wieder hereinzubekommen – und bestenfalls rasch zu vermehren. Hierdurch entstand bei den Borkumern großes Misstrauen, das im Jahre 1584 sogar in einer Rebellion und der Ermordung des Vogtes mündete.

    17. und 18. Jahrhundert

    Noch Anfang des 17. Jahrhunderts zählte Borkum gerade mal 200 Bewohner. Die tägliche Lebensweise ist damals stets einfach gewesen. Man ernährte sich hauptsächlich von Fisch, da es auf den Inseln wenig Fleisch gab. „Ohne Fisch wäre es mit vielen übel bestellt. Fisch ist oft Brot und Fleisch, Butter und Käse zugleich. Wer zu seinem Schwarzbrot ein Stück Schellfisch, Scholle oder Rochen hat, ist noch lange nicht beklagenswert“, beschreibt Borkums ehemaliger Stadtdirektor Dr. Theodor Speer (* 1. 1.8.1904 in Borkum, † 17.10.1968, Stadtdirektor von 1947 – 1967) die früheren Verhältnisse in seiner Doktorarbeit. Dem interessanten Standardwerk „Aus Borkums Vergangenheit“ vom ehemaligen Rektor Hans Teerling ist darüber hinaus zu entnehmen, dass in der Zeit neben getrocknetem Fisch und Muscheln teilweise auch Kaninchen gegessen wurden, die man trotz Verbotes durch den Vogt heimlich aus den Dünen holte.

    Das Nahrungsangebot sollte sich so schnell auch nicht ändern. Neben Fisch lebten die Insulaner alten Aufzeichnungen zufolge Anfang des 18. Jahrhunderts von selbst angebautem und spärlich gezogenem Gemüse (wie z.B. Erbsen und dicke Bohnen) und besaßen vereinzelt Kühe, Schafe oder Hühner. Im Allgemeinen waren sie jedoch auf die Einfuhr von sonstigen Lebensmitteln vom Festland angewiesen. Das Verkaufsmonopol besaß derzeit der Vogt, der in seinem Vogtshaus den einzigen Krämerladen auf der Insel betrieb. (Anmerkung: Erst 1782 – nach dem Tode des Vogtes Akkermann – eröffnete ein zweiter Krämerladen.)

    Doch auch wenn einige Quellen berichten, dass damals große Armut und Hunger auf Borkum herrschte, scheint es jedoch, als ob man diesen erfolgreich trotzte. So untersuchte eine Anthropologin vor einigen Jahren aus dieser Zeit stammende Menschenknochen – die auf dem Friedhof am Alten Leuchtturm gefunden wurden – und stellte dabei eindeutig fest, dass die Insulaner in punkto Ernährung damals keine Mangelerscheinungen hatten.

    Gastronomie in den Kinderschuhen

    Die ersten durchreisenden Gäste und inspizierenden Beamten kamen auf Borkum im Haus des Vogtes unter, der damals die alleinige Schank- und Braugerechtigkeit sowie die Erlaubnis besaß, Gäste zu beherbergen und zu verköstigen. Demnach fanden sich im Vogtshaus meist neben ein bis zwei Zimmern zur Beherbergung auch eine kleine Gaststube, in der Gäste u.a. mit selbst gebrautem Bier bewirtet werden konnten.

    Doch der Vogt sollte nicht der einzige Gastronom auf der Insel bleiben. Da es zu dieser Zeit bereits einige Gäste gab, die während ihrer Seereise zur Erholung einen Zwischenstopp auf Borkum einlegten, bat auch ein Insulaner namens Arend Tjarks im Jahre 1711 um die Genehmigung, Gäste aufnehmen und verpflegen zu dürfen. Trotz starkem Widerstand des Vogtes, der sein Beherbergungsmonopol nicht so schnell aufgeben wollte, erhielt Tjarks von den Behörden damals grünes Licht für sein Vorhaben. Er war somit quasi der erste private Vermieter auf der Insel.